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Thandorfs Wohnkomplex hat ausgedient : Schock für Mieter: Wohnblock wird abgerissen

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Dorit Schülke hatte kein gutes Gefühl, als die Einladung zu einem Informationsabend am schwarzen Brett vor dem Wohnblock hing. "Der Wohnblock wird abgerissen." Da war der Satz, den keiner der Bewohner hören wollte.

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erstellt am 10.Feb.2013 | 05:15 Uhr

Thandorf | Dorit Schülke hatte kein gutes Gefühl, als die Einladung zu einem Informationsabend am schwarzen Brett vor dem Wohnblock hing. "Wichtiger Termin", stand in dicken roten Lettern darauf. Eingeladen waren die Bewohner des Hauses mit der Adresse Ausbau 1 - 4. Sogar abgeholt wurden sie von einem Fahrdienst und ins Dorfgemeindehaus Thandorf gebracht. Gemunkelt wurde zu diesem Zeitpunkt schon so einiges, geahnt und befürchtet hatte es Dorit Schülke auch. Doch die Rentnerin hatte immer noch die Hoffnung, dass sich ihr Leben mit 71 Jahren nicht mehr drastisch verändern wird. Doch es wird sich verändern.

"Der Wohnblock wird abgerissen." Da war er, dieser Satz, den keiner der Bewohner hören wollte. Die Mieter waren geschockt. Dorit Schülke auch. Bürgermeister Wolfgang Reetz war der Überbringer der schlechten Nachricht und der Entscheidung, die Aufsichtsrat und Gesellschafterversammlung der Wohnungsbaugesellschaft Radegasttal (WGR) sowie die Thandorfer Gemeindevertretung in den Wochen zuvor jeweils einstimmig gefasst hatten. Voraussichtlich Februar/März 2014 soll das Gebäude verschwinden.

Wenn die Sonne scheint, dann strahlt die gelbliche Fassade des wuchtigen Wohnhauses. Die Farbe ist erst ein paar Jahre alt, das Gebäude schon über vier Jahrzehnte. Als es Ende der 1960er-Jahre gebaut wurde, da waren die 24 Wohnungen in dem vierzügigen Komplex begehrt. Ins Dorfbild wollte der Wohnblock am Ortseingang nie so recht passen, wirkte er doch mit seiner Länge und Höhe neben all den alten Hofgebäuden aus Backstein nebenan im Dorf wie ein Fremdkörper. Doch er war zweckmäßig - und voll belegt. Heute wohnen gerade noch 18 Menschen im Wohnkomplex Ausbau 1 - 4 und die Hälfte der Wohnungen steht leer.

Wenn die hohen Bäume am Gartenrand nicht wären, dann hätte Bürgermeister Wolfgang Reetz freien Blick auf das Haus, dessen Vorderfront eine bessere Bausubstanz verspricht, als es tatsächlich besitzt. "Die Rückseite ist eine Katastrophe", sagt der 54-Jährige und stampft durch den Neuschnee um das Haus. Westseite - wann immer er will, treibt der Wind hier Regen und Schnee an die Wand. Und das ist ihr anzusehen. Grauer Putz, der von der Wand bröckelt, Fensterrahmen, von denen die Farbe abgeblättert ist, Leitungen, die von der Außenwand hängen. "Diese Seite ist damals nicht mit saniert worden", sagt Reetz. Seit 2009 ist er Bürgermeister in Thandorf. Das mache ihm viel Spaß, sagt er. Der Abend, als er den Hausbewohnern die Hiobsbotschaft übermittelte, der habe ihm aber alles andere als Spaß gemacht. "Ich kann verstehen, dass die Bewohner geschockt sind. Aber mir war es wichtig, diese notwendige Entscheidung klar, eindeutig und offen zu kommunizieren. Nicht über Gerüchte, nicht über Dritte", so der Bürgermeister.

Notwendige Entscheidung: Diese setzte sich aus Sicht von WGR und Gemeinde, die als vormaliger Besitzer des Hauses immer noch dafür bürgt, aus mehreren Faktoren zusammen. Der hohe Leerstand, so Reetz, habe für eine marode Bausubstanz gesorgt. Neue Mieter kämen in der Regel nur noch für eine kurze Übergangszeit, weder Alleinstehende, noch Paare und schon gar nicht Familien, könnten sich das Leben in diesem Umfeld vorstellen. Der Leerstand sei teuer, da alle Grundkosten für die gesamte 24-er Einheit zu leisten seien. "Kosten, die letztlich auf alle Mieter umgelegt werden müssen. Bei gleichzeitigem Wertverfall des Bauwerks ist dies ein Fass ohne Boden mit in der Zukunft weiter steigenden Belastungen für die Bewohner", sagt Reetz. Und er sagt auch, dass eine Komplettsanierung unbezahlbar sei.

"Dieses Haus ist so etwas wie eine Mogelpackung", sagt Dorit Schülke. Hübsche Vorderseite, grauenvolle Rückfront. Da sei es doch verständlich, dass alle, die sich in letzter Zeit für eine Wohnung hier interessiert hätten, sofort wieder gegangen seien. Die Schülkes sind im Dezember 1992 gekommen - und geblieben. Seit über 20 Jahren leben sie nun in dem Block. Linker Hauseingang, Wohnung Parterre, zweieinhalb Zimmer, 62,9 Quadratmeter: Hier haben sie sich eingerichtet, hier ist ihr Zuhause. Als sie einzogen, erinnert sich Dorit Schülke, seien alle Wohnungen noch besetzt gewesen. Jetzt hat sich in vielen Wohnungen der Schimmel breit gemacht. Vor ihrer Wohnung hat er auch nicht Halt gemacht. Erst vor kurzem habe der Schimmelpilz die Schlafzimmerwand teilweise schwarz gefärbt. Ein Spezialanstrich sorgte für Besserung. Auch die Decke, durch die die Feuchtigkeit zog, sei wieder in Ordnung. "Über uns die Wohnung steht schon länger leer", sagt Dorit Schülke. Mit den widrigen Umständen haben sie sich arrangiert, hier in Thandorf seien sie ihr eigener Herr. "Es war eine sehr schmerzliche Nachricht", betont sie. Dass dieses Gebäude in diesem Zustand keine Zukunft habe, das könne sie verstehen. "Aber von Thandorf weg, das wollten wir eigentlich nicht mehr".

Mietwohnungen in der Größe und zu diesen Konditionen, die gibt es im 176 Einwohner zählenden Dorf nicht. Das sagt Bürgermeister Reetz, und er weiß, dass die Einwohnerzahl sinken wird. Die WGR, so Reetz, habe Hilfe bei der Suche nach geeignetem Wohnraum zugesichert. Mit jeder Mietpartei werde ein Einzelgespräch geführt. In Schlagsdorf beispielsweise, habe die WGR noch freie Wohnungen.

Dorit Schülke und Mann haben schon eine Lösung gefunden. Sie werden beim Schwiegersohn in Campow einziehen. Diese Offerte bestand schon vorher, "aber wir wollten doch keinem zur Last fallen", sagt die siebenfache Mutter. Doch für viele der vornehmlich betagten Bewohner des Wohnblocks geht die Suche nach einer Bleibe erst noch los - wenn der Schock verdaut ist.

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