Handwerkernachwuchs : Schlechte Noten, viele Abbrecher

Antje Lange und Kay Wahrmann im Keller der Kreishandwerkerschaft, in dem künftige Maler und Lackierer ihre Gesellenstücke fertigen.
Antje Lange und Kay Wahrmann im Keller der Kreishandwerkerschaft, in dem künftige Maler und Lackierer ihre Gesellenstücke fertigen.

Interview mit Antje Lange und Kay Wahrmann von der Kreishandwerkerschaft über Probleme beim Handwerkernachwuchs

svz.de von
23. März 2016, 21:00 Uhr

35 frischgebackene Gesellen wurden jetzt von der Kreishandwerkerschaft Nordwestmecklenburg-Wismar ins Berufsleben entlassen. Doch nur ein einziger Lehrling schließt als Bester seine Ausbildung mit der Gesamtnote Zwei ab, 18 finden ein „befriedigend“ in ihrem Zeugnis, 13 nur „ausreichend“, vier haben die Winterprüfung erst gar nicht bestanden. Und sogar 65 Jugendliche haben ihre Ausbildung bereits vorher abgebrochen. Im Interview mit SVZ-Redakteur Holger Glaner nennen Antje Lange (Geschäftsführerin) und Kay Wahrmann von der Kreishandwerkerschaft mögliche Ursachen.

Welches sind die Ursachen für die überwiegend mittelmäßigen bis sehr schlechten Ergebnisse?

Kay Wahrmann: Das Bildungsniveau ist insgesamt ganz schön abgesackt. Viele Jugendliche kommen bereits mit so großen Defiziten aus der Schule zu uns in die Berufsausbildung, dass sie irgendwann nicht mehr Schritt halten können.

Antje Lange: Wir versuchen diese Defizite mit begleitenden Hilfen zu reparieren. Und wenn die Jugendlichen wirklich wollen, dann schaffen die das auch.

Doch wie erklärt sich dann die hohe Abbrecherquote?

Kay Wahrmann: Die Ursachen sind vielschichtig. Oftmals fängt es schon damit an, dass von Eltern oder Großeltern ein falsches Berufsbild vermittelt wird. So ist der Schornsteinfeger von heute nicht mehr mit dem von vor 50 Jahren zu vergleichen. Einen dreckigen Schornsteinfeger sieht man heute quasi höchstens noch an zwei Tagen im Jahr, den überwiegenden Rest verbringt er mit Messungen am Schornstein mittels modernster Technik. Schmutzig war einmal. Und dies gilt für die meisten Handwerkerberufe.

Antje Lange: Nehmen wir mal ein Klischee zur Hilfe: Die Jugendlichen wollen morgens ausschlafen, eine geregelte Arbeitszeit, kurze Wege, einen netten Chef, wenig zu tun und dafür auch noch viel Geld bekommen. Doch diese Jobs gibt es nicht, auch nicht in sogenannten sauberen Berufen. Dennoch kommen viele Jugendliche mit falschen Vorstellungen zu uns.

Woher kommt dieses Wunschdenken?

Antje Lange: Vielen jungen Leuten fehlt das Verständnis für die reale Welt. In der Schule werden sie doch in Watte gepackt. Das ist keine Kritik an den Lehrern, die müssen auch nur ihre Vorgaben umsetzen. Aber im Handwerk ist eben vieles anders. Hier müssen die Lehrlinge frühmorgens auf die Baustelle, haben nicht immer geregelte Arbeitszeiten, die Atmosphäre ist anders als in der wohlbehüteten Schule. Dafür ist ja dann auch eine Probezeit da, dass beiden Seiten erkennen, ob es passt oder aber nicht. Aber eine „Wolke 7“ existiert im Berufsleben nun mal nicht.

Mäßige Schulabschlüsse, falsche Vorstellungen vom Beruf – was kommt noch?

Kay Wahrmann: Kaum jemand kann sich heute mehr richtig unterordnen oder will sich etwas vom Chef oder den Kollegen sagen lassen.

Antje Lange: Viele unserer Auszubildenden sind total unselbstständig und nicht in der Lage, Entscheidungen zu treffen. Das ist ein echtes Problem. Anders als in der Industrie haben sie es im Handwerk mit ständig wechselnden Aufgaben zu tun. Das ist einerseits anspruchsvoll und eine große Herausforderung, stellt für viele aber eine unlösbare Aufgabe dar.

Was ist zu tun?

Antje Lange: Die künftigen Lehrlinge müssen rechtzeitig die Wahrheit erfahren, Lebenswirklichkeit muss beispielsweise durch das Absolvieren von Betriebspraktika insbesondere in den Unterricht des Fachs Arbeit-Wirtschaft-Technik eingebaut werden. Und zur Arbeitswirklichkeit gehört nun mal auch, dass ein Metallbauer in den ersten drei Tagen seiner Ausbildung an einem Stück Eisen herumfeilen muss. Am Anfang steht aber nun mal das Feilen. Auch ein künftiger Friseur wird in den ersten Tagen überwiegend Haare zusammenfegen und ein potenzieller Heizungsbauer Material sortieren und zur Baustelle transportieren.

Kay Wahrmann: Doch so etwas gehört doch ganz einfach dazu. Nur so bekommen die jungen Leute ein Gefühl für Werkzeug, Material und ihren künftigen Beruf.

Welchen Rat geben Sie Auszubildenden, die Probleme oder Ärger in der Ausbildung haben?

Antje Lange: Brecht die Ausbildung auf keinen Fall ab! Das ist die schlechteste aller Lösungen. Kommt zu uns in die Kreishandwerkerschaft und holt euch Hilfe.

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