Windpark in Stöllnitz : Schlaflose Nächte in Stöllnitz

Giesela und Heinz-Ingram Rudolph aus Stöllnitz haben genug vom Geräuschpegel der Windkraftanlagen und fordern ein Umdenken in der Politik.
Foto:
Giesela und Heinz-Ingram Rudolph aus Stöllnitz haben genug vom Geräuschpegel der Windkraftanlagen und fordern ein Umdenken in der Politik.

Familie Rudolph erstattet Anzeige wegen Lärmbelästigung durch Windpark in ihrer Nachbarschaft. Jetzt prüft das Landesamt für Umwelt und Natur den Fall.

von
04. Juni 2016, 05:00 Uhr

Es brummt und es dröhnt. Sind es Flugzeuge oder sind es Panzer? Heinz-Ingram Rudolph lebt in einer Geräuschwelt, die sein und das Leben seiner Frau erheblich beeinträchtigt. Auslöser der Störgeräusche sind die Windkraftanlagen, die sich im Windpark Badow drehen. „Bei windigen Nord- und Ostwetterlagen ist es kaum auszuhalten. Nachts bei offenem Fenster schlafen, das geht gar nicht“, sagt der 71-Jährige. Sein Anliegen ist unmissverständlich, auch wenn er sich nach einem Schlaganfall mit dem Sprechen sehr viel Mühe geben muss. Aber es wird, Tag für Tag ein wenig besser. Nur eben nicht mit dem nervenaufreibenden Drehgeräuschen der Windkraftanlagen. Rudolph hat Lebensmut und will trotz seiner Krankheit nicht aufgeben, dass Windkraftanlagenbetreiber ihre Bauwerke nicht einfach so in die Landschaft stellen können. „Die Anlagen sind schuld, dass ich heute krank bin, der Schlaganfall und so“, meint er und spricht von den Auswirkungen des Infraschalls.

Zwischen März und Mai liegen die Nerven wieder blank. Der Ostwind verstärkt die Geräuschkulisse aus dem Windpark und trägt sie zum Gehöft der Stöllnitzer. „Wir haben Anzeige erstattet. Um 20 Uhr habe ich die Polizei gerufen“, sagt Heinz-Ingram Rudolph. Die Polizeiinspektion Wismar bestätigt das: „Ein Bürger gab an, sich durch die Geräusche und den Infraschall des Windparkes Badow belästigt zu fühlen.“ Eine Anzeige wurde aufgenommen und an die Ordnungsbehörden geleitet.

„Anfangs wollten uns die Beamten nicht so recht Glauben schenken. Sie waren der Meinung, es handelt sich um Pkw- oder Straßenlärm. Dann sind wir der Sache auf den Grund gegangen“, sagt Giesela Rudolph. Sie klagt seit der Inbetriebnahme der Anlagen über hohen Blutdruck.

Doch mit ihren Sorgen und Ängsten fühlen sie sich allein gelassen. Von der Politik ohnehin. Rudolph zeigt Briefe an Landtagsabgeordnete. Ob Rot, Schwarz oder die Linken - niemand fühle sich zuständig. „Stattdessen erhalte ich Briefe, in denen nicht auf unsere Fragen eingegangen wird. Mein Demokratieverständnis hat arg gelitten, denn der Landtag veräppelt uns. Er ist nur aktiv, wenn es um die Erhöhung der Diäten geht, die wir auch noch bezahlen müssen“, sagt Rudolph. Auch Worte von Bundeskanzlerin Angela Merkel, in denen von der Suche nach einer gemeinsamen Lösung die Rede ist, will Giesela Rudolph nicht mehr hören. Es müsse jetzt, hier und heute etwas im Sinne der Menschen passieren, sagt sie.

Rudolphs schreiben wieder Briefe. Diesmal nicht an die Landespolitik, sondern an das Staatliche Amt für Umwelt und Natur (StALU). Sie schildern die Situation und sagen: „Wir erwarten, dass auf Grund der gegenwärtigen unzumutbaren Zustände eine nochmalige Vor-Ort-Kontrolle bei Ostwind stattfindet, an der die Dorfbewohner teilnehmen können.“

Ihr Brief an das StALU ist nicht der erste, der die genehmigende Behörde erreicht hat. „Im Zeitraum der zurückliegenden zwölf Monate sind dem StALU Westmecklenburg elf Beschwerden über unzulässige Lärmbelästigungen durch Windkraftanlagen zugegangen“, teilt Dr. Regina Rinas, Leiterin des Staatliches Amt für Landwirtschaft und Umwelt Westmecklenburg auf Anfrage der SVZ mit. So misslich jede einzelne Beschwerde sei, zeige diese Zahl vor dem Hintergrund von zirka 400 betriebenen Windkraftanlagen im Zuständigkeitsbereich, dass unzulässige Lärmbelästigungen durch Windkraftanlagen kein Breitenphänomen darstellten. Es sei vielmehr das Resultat individueller technischer Störungen. Zum Windpark Badow liegen bislang zwei Beschwerden vor.

Das StALU prüft aufgrund der Vorschriften des Bundes-Immissionsschutzgesetzes. Dazu gehören Messungen der Geräuschimissionen. Darauf werde regelmäßig zurückgegriffen, so Rinas. Auch der Fall der Familie Rudolph werde geprüft.

In puncto Infraschall verweist das StALU auf umfangreiche Untersuchungen mit Schalltechnikern zum Thema mit dem Ingenieurbüro Kötter Consulting Engineers. „Es wurde festgestellt, dass von Windkraftanlagen zwar Infraschall ausgehen kann, dieser jedoch immissionsseitig deutlich unterhalb der Wahrnehmungsschwelle des Menschen liegt“, heißt es in der Mitteilung vom StALU. Aus der Sicht von Wissenschaft und des Amtes könne Infraschall nur dann überhaupt schädliche Folgen haben kann, wenn Menschen ihn hören oder spüren könnten.

Laut aktueller Studien liegen die durch Windkraftanlagen erzeugten Schallpegel deutlich unterhalb der Wahrnehmungsschwelle des Menschen, so das StALU weiter. Und: „Bei Entfernung ab 600 bis 700 Metern zur Windkraftanlage liegt der einwirkende Infraschallpegel sogar unterhalb des Infraschallpegels der Umgebungsgeräusche.“ Nach dem Kenntnisstand des StALU Westmecklenburg gibt es keine wissenschaftlich nachvollziehbare Arbeit, die einen Zusammenhang zwischen Gesundheitsschäden und dem Infraschall belege, so Rinas. So fehle es an gesammelten Daten und bzw. Erfahrungen. Vorsorgemaßnahmen könnten sich aber nur gegen bekannte Risiken oder Gefahren richten. Möglichkeiten zur Regulierung sieht das StALU, sofern der Nachweis über unzulässigen Lärm erbracht ist.

Für Giesela und Heinz-Ingram Rudolph ist das keine zufriedenstellende Antwort. Sie wünschen sich eine unkomplizierte und schnelle Lösung, damit neue Pläne zum Bau von Windkraftanlage im Bereich Stöllnitz erst gar nicht zum Tragen kommen.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen