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Gadebusch-Rehnaer Zeitung

18. Dezember 2017 | 15:32 Uhr

Wismar : Schiffsmodell auf Grönland entdeckt

vom

Ein Votivschiff des Wismarer Modellbauers Robert Dähnke (1866−1956) wurde in einer Grönlandkirche entdeckt. Jetzt wird die „Reiseroute“ erforscht.

svz.de von
erstellt am 09.Dez.2012 | 07:38 Uhr

Wismar | In der grönländischen Kirche von Jakobshavn ziert ein Schiffsmodell aus Wismar den sakralen Bau. Ein seltenes Stück, das Erik Hofbauer entdeckte. Dass dieser Fund jetzt für Gesprächsstoff in der Kreisstadt sorgt, ist beinahe ein Zufall, das Ergebnis eines Gespräches am Gartenzaun.

Gartennachbar Hans-Walter Brecht kam aus dem Staunen nicht heraus als er kürzlich die Bilder von seinem Nachbarn in Wismar präsentiert bekam: "Einfach toll die Entdeckung, das deutet auf eine kleine Sensation hin." Die Motive des Individualtouristen Hofbauer zeigen Details eines wertvollen Schiffsmodells, aufgespürt in der Kirche von Jakobshavn (grönländisch Illulisat). Der Wismar-Hinweis im Kirchenflyer war für Hofbaur Auslöser zu dieser Fotoaktion. Wissend um das maritime und geschichtliche Engagement und Interesse seines Gartenfreundes Brecht, war ihm diese Überraschung offensichtlich gelungen.

"Mehr als das", ließ Brecht, der seit 15 Jahren als Stadtführer tätige Werft-Projektierungsingenieur im Ruhestand wissen. Und seit er das Resultat von Fachmann Rainer Däbritz aus Tarnewitz kennt, bekommt der engagierte Wismarer bei diesem Thema vor Freude immer wieder glänze Augen.

Denn Däbritz, Marinehistoriker, Modellbauer, Restaurator und dazu noch Buchautor, kam nach vergleichender Auswertung des Bildmaterials recht schnell zu einem interessanten Ergebnis: "Nach meinen Erkenntnissen besteht kein Zweifel, dass es sich insbesondere Anhand der sehr deutlichen Detailansichten um ein Votiv- oder Orlog-Schiff des Wismarer Modellbauer Robert Dähnke handelt."

Ein ähnliches Modell restaurierte er bereits zweimal in der Wismarer Nikolaikirche und hatte damit beste Vergleichsmöglichkeiten. So erkannte er Details, Bauweise und auch Größe des abgebildeten Objektes aus Grönland als identisch mit dem etwa 100 Jahre alten Objekt in der hansestädtischen Kirche. Als bauähnlich benennt Däbritz unter anderem die Art der Takelage, Gestaltung der Gallionselemente, die Wappen am Heck, einschließlich der Galerien an Steuer- und Backbord, sowie die gegossene Figuren an beiden Modellen. Als markantesten Beleg führt er die vierfach weiß-rot gestreifte Wismar-Flagge auf dem Großmast an. Da muss man allerdings genau hinschauen und die Lupe benutzen", so Däbritz. Der ist über den Befund inzwischen ebenso begeistert, wie sein 75-jähriger "Auftraggeber" aus Wismar. "Machen Sie kein Aufsehen um meine Person, ich möchte nur dafür sorgen, dass möglichst viele meine Freude teilen", ließ er wissen.

Auch die Wismarer Museumsdirektorin wurde vom ihm in Kenntnis gesetzt. "Schön fand ich von Herrn Brecht, dass er diese Information auch an uns weitergegeben hat", findet Beatrice Busjan. Man freue sich über jeden Fund.

Grönland-Tourist Hofbaur, im "richtigen Leben" Ingenieur für Medizintechnik, freut sich genauso über das unerwartete Resultat. "Da hat sich meine Ausdauer wirklich gelohnt." Er entdeckte zwar problemlos die Kirche. Aber wie reinkommen, denn dieses Gotteshaus am fast nördlichsten und eisigsten Ende der Welt ist fast immer verschlossen. Es sei denn, der Pfarrer reist aus der grönländischen Hauptstadt Godthaab (grönländisch Nuuk) per Flieger mal wieder zum Gottesdienst an. Dank notwendiger Putz- und Reinigungsarbeiten fand sich am Ende doch noch eine geöffnete Kirchentür.

Offen bleiben weiterhin Fragen. So zum Beispiel, über welche Wege das wertvolle Wismarer Dähnke-Modell überhaupt bis nach Grönland fand. Bekannt ist lediglich, dass es ein Geschenk des deutschen Zahnarztes namens Otto Schmede ist. Eine diesbezügliche Spurensuche kann damit durchaus weitergeführt werden.

Bei Votivschiffen handelt es sich um kostbare Modelle, die Fischer oder Seeleute als Votivgabe ihrer Kirche stifteten. So gelobten sie, nach überstandener Gefahr auf See, diese Dankesgabe ihrem Schutzheiligen St. Nikolai zukommen zu lassen. Dieser Brauch blieb über Jahrhunderte bestehen. Mehr als 50 dieser wertvollen Schiffsnachbildungen sollen noch in Kirchen zwischen Poel und der Insel Usedom existieren. Orlog-Schiff ist der Oberbegriff von typenmäßig nicht näher bezeichneten Kriegsschiffen der Epoche vom ausgehenden 16. bis in das 19. Jahrhundert.

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