Erinnerung an Lenschow : Rückkehr ins verschwundene Dorf

Im Jahr 1952 sollten Marlies Peters und Ute Augustin zwangsausgesiedelt werden. Die beiden Lenschowerinnen, geborene Kohlhase, schwammen mit drei weiteren Geschwistern und der Mutter durch die Wakenitz in den Westen.
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Im Jahr 1952 sollten Marlies Peters und Ute Augustin zwangsausgesiedelt werden. Die beiden Lenschowerinnen, geborene Kohlhase, schwammen mit drei weiteren Geschwistern und der Mutter durch die Wakenitz in den Westen.

Im geschleiften Ort Lenschow wurde an die Zwangsaussiedlungen im ehemaligen DDR-Grenzsperrgebiet erinnert

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07. Juni 2016, 05:05 Uhr

Schmerzhafte Rückkehr: Ehemalige Einwohner des geschleiften Dorfes Lenschow haben an die Zwangsaussiedlungen im ehemaligen DDR-Grenzsperrgebiet erinnert. Lenschower verloren damals ihre Heimat und riskierten wie die Familie Kohlhase ihr Leben, um Stunden vor dem angekündigten Abtransport zu fliehen. „Wir, fünf Kinder, schwommen mit unserer Mutter durch die Wakenitz. Zwei meiner Geschwister waren noch so jung, dass sie nicht schwimmen konnten und sich an uns festhielten“, erinnert sich Ute Augustin, geborene Kohlhase.

Das rettende Westufer der Wakenitz erreichten alle Kohlhases. Es sollten aber Jahrzehnte vergehen, bis sie 1989 zurück nach Lenschow fahren konnten. „Noch im Jahr der Grenzöffnung sind wir wieder hergekommen. Es war erschütternd. Wir haben vergeblich unser Haus und unsere Schaukel aus Kindertagen gesucht. Nichts war mehr da. Stattdessen sahen wir nur Stacheldraht und einen Wachturm“, sagt Marlies Peters, geborene Kohlhase.

So wie den Kohlhases erging es vielen. Denn 1952 waren insgesamt 471 Familien gezwungen worden, ihre Heimat in den Grenzkreisen Gadebusch, Grevesmühlen und Hagenow zu verlassen. 1961 organisierte die SED-Führung eine zweite Aussiedlungswelle. „Davon waren in den drei Grenzkreisen noch einmal 616 Menschen betroffen“, sagt Dr. Andreas Wagner vom Grenzhus Schlagsdorf. Die Zwangsaussiedlungen im DDR-Grenzgebiet seien schmerzhafte Zäsuren gewesen. Mehr als 11 000 Menschen fielen ihnen zum Opfer. Sie waren als politisch nicht zuverlässig eingeschätzt worden.

Tränen flossen in Lenschow beim Erinnerungstag an die Zwangsaussiedlungen und geschleiften Dörfer auch noch Jahrzehnte nach diesen Ereignissen. Nordwestmecklenburgs Kreistagspräsident Klaus Becker erinnerte daran, dass sich damals ein Mantel des Schweigens über die Vorgänge von 1952 und 1961 ausgebreitet habe: „Die Zwangsausgesiedelten sprachen nicht, hatten Angst. Täter und Helfer wurden zum Schweigen verpflichtet.“ Um so wichtiger sei es, mit einem solchen Erinnerungstag auf die damaligen Geschehnisse aufmerksam zu machen. „Denn zu den Wunden und Narben, die eine 40-jährige Grenze hinterlassen hat, gehören nicht nur die Toten von Mauer und Stacheldraht, sondern auch Zwangsaussiedlungen und geschleifte Dörfer“, so Becker.

Die Wunden und Narben schmerzen bei Einwohnern des geschleiften Dorfes Lenschow noch immer. „Wenn man den Menschen heute erzählt, was damals passierte, glaubt einem das niemand“, sagt Ute Augustin. Sie war 16, als sie mit ihrer Familie durch die Wakenitz in den Westen schwamm. Zurück am Ostufer blieb ihr Hund „Flocki“, der wenig später erschossen wurde. 

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