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Filmgeräusche aus Badow : Rabes Trommel und das Blechhaus

vom
Aus der Redaktion der Gadebusch-Rehnaer Zeitung

Franziska Treuter und Henning Penske arbeiten international als Geräuschemacher. Studio entsteht in Badow

von
erstellt am 12.Aug.2017 | 12:00 Uhr

Ein Kinofilm braucht einen guten Ton und eine perfekte Geräuschkulisse, damit Komödien oder Gruselfilme beschwingt oder eben auch mit dem besagten kalten Schauer über dem Rücken ihre Wirkung entfalten. Franziska Treuter und Henning Penske verstehen die hohe Kunst, Schläge, ein Rascheln, das sanfte Gleiten einer Hand über den Rücken oder das Laufen über Metallgitter zu imitieren. Sie sind Geräuschemacher, Foley Artisten, ohne die kein Blockbuster im Fernsehen oder Kino seine fesselnde Wirkung entfaltet.

Animationsfilme dürfen im Repertoire nicht fehlen. Für den Trickfilm „Kleiner Rabe Socke“, kreierten sie rabenstarke Effekte. „In einer Szene klagte Rabe Socke über eine kaputte Trommel. Mit einem Vogelhaus aus Blech ließ sich der perfekte Ton für das Musikinstrument herstellen“ erzählt Franziska Treuter. Ein Job, der volle Konzentration verlangt. Die Bewegung im Film und die Geräusche müssen zueinander passen. Eine hohe Kunst, auf das sich das Team in Badow versteht.

Kunden sind unter anderem die ARD, Produktionsfirmen aus Holland, Amerika und England. Aber dass ausgerechnet sich das womöglich einzige Studio von Mecklenburg-Vorpommern für Geräuschemacher in Badow niederlässt, fasziniert Marita Heiden. „Als Nachbarn kamen wir schnell in Kontakt. Hier und da fehlten Zutaten wie Zucker. Nicht zum Backen wie sich herausstellte, sondern zum Erzeugen von Geräuschen“, erzählt sie. Dass sie damit die Soundwerkstatt unterstützt, die in London ihre Wurzeln hat, ist für die Badowerin unglaublich spannend. Ab 2018 soll am neuen Studio im Ort gebaut werden.

Treuter erzählt vom Studium in Berlin, Wege nach England, London und ihre Arbeit. „Mit der Debatte um den Brexit reifte der Entschluss, zurück nach Deutschland, irgendwo aufs Land zu gehen“, erzählt die 47-Jährige. Badow mit seinen massiven und nicht unterkellerten Stallanlagen von 1913 war die erste Wahl. Fester Boden, abgeschirmte Wände und die Ruhe auf dem Dorf seien perfekt für die Aufnahme jedes noch so zarten Geräusches.

Angesprochen auf Elektronik und Computeranimation winken Treuter und Penske ab. Sie kreieren jeden Ton von Hand. Somit verwundert es nicht, dass ihr Studio auf den ersten Blick Willi Schwabes Rumpelkammer gleicht. In DDR-Filmzeiten beherbergte sie Filme und Tondokumente vergangener Zeiten. Die Badower Kammer schmücken zahlreiche Schuhe, Telefone mit Wählscheibe, ausgediente Mikrowellen, eine zerbeulte Autotür oder ein zusammengerolltes Lederkissen. Gefühlvoll greift Franziska Treuter in das Leder. Ein dumpfes Knautschen wird laut: „So hört es sich an, wenn jemand auf dem Ledersofa sitzt und sich dreht.“

Die einfachsten Utensilien überzeugen. Mit einem eisernen Bistrostuhl wird das Quietschen eines Eisentores hervorgerufen, während Schritte im Wald sich mit Laub und Gras auf dem Studioboden finalisieren lassen.

Wer derart perfektionistisch veranlagt arbeitet, erledigt seinen Job nicht im Vorbeigehen. Für einen elfminütigen Trickfilm wie Rabe Socke braucht es einen Tag im Studio. „Als Geräuschemacher schaffen wir zirka 15 Minuten Film am Tag“, sagt Henning Penske.

Die Ideen sammelt Teampartnerin Franziska Treuter im quirligen Alltag, in den Straßen der Städte: „Du schaust genau hin, hörst und nimmst zu jeder Bewegung noch so kleine Details wahr.“

Am Ende zählt die Intensität, mit der später die Tonmeister die Laute einspielen. Auf den speziellen Sound kann kein Werk verzichten: „Für jeden Film werden die Geräusche zur Szene nachvertont“, verrät Treuter. Folglich spürt der Zuschauer in Gruselstreifen den Atem der Angst, Schritte, die mit Übertreibung Spannung erzeugen und in der sanften Form Vorsicht verkörpern.

Penske schaut sich um, zeigt auf das Schuhregal, das kaum Wünsche übrig lässt. Jeder Treter entwickelt seinen eigenen Ton. Insbesondere dann, wenn ein quaddernasser Lederlappen feuchtes Gras imitiert. Man müsse eben soundverrückt sein, meint die 47-jährige Foley Artistin.

Den feinfühligen Aufnahmegeräten entgeht in der Badower Stille nichts. Da entwickelt eine über Stoff gezogene Hand im russischen Psychodrama „What nobody can see“ eine äußerst intensive Wirkung beim Zuschauer.

Spannung ist alles. Wer das Gänsehautfeeling liebt, der experimentiert durchaus auch mit einem Messer und Bockwurst, bis er den perfekten Schnitt von menschlicher Haut perfektioniert oder mit einem Messerstich in eine Orange ein Attentat mit Blutfluss initiiert. Guter Ton und Sound transportieren die Bilder. Für die bewegende Fernsehserie „Madiba“, das Leben Nelson Mandelas, lieferten die Badower Soundkünstler eine ganze Bandbreite von Geräuschen.

 

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