Luise Krüger aus Gadebusch : Politisches Urgestein hört auf

Luise Krüger über die Kreisreform: „Mit Wismaranern ist es bis heute ein schwieriges Verhältnis. Sie glauben immer noch, wir sind die Dummen vom Lande und sie sind die Schlauen aus der Hansestadt.“
Luise Krüger über die Kreisreform: „Mit Wismaranern ist es bis heute ein schwieriges Verhältnis. Sie glauben immer noch, wir sind die Dummen vom Lande und sie sind die Schlauen aus der Hansestadt.“

Mit 78 Jahren gibt das älteste Kreistagsmitglied Nordwestmecklenburgs sein Mandat zurück und nimmt Landrätin Weiss in die Pflicht

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30. Dezember 2016, 05:00 Uhr

Sie kämpfte gegen einen Deponiebau und für einen Landrat und könnte ein Buch über fragwürdige Geschäfte schreiben: Luise Krüger. Die 78-jährige Linkspolitikerin aus Gadebusch beendet zum Jahresende ihre Mitgliedschaft im Kreistag. Im Interview mit SVZ-Redakteur Michael Schmidt blickt sie auf eine spannende Zeit zurück und nimmt Landrätin Kerstin Weiss (SPD) in die Pflicht.

Frau Krüger, Sie ziehen sich zum Jahresende aus der Kreispolitik zurück. Welche Schlagzeile würden Sie dazu gerne lesen wollen?

„Irgendwann ist genug“, wäre vollkommen ausreichend.

Welche Gründe gibt es für Ihren Rückzug?

Ich trete aus Altersgründen zurück. Es ist mir zu anstrengend geworden, fünf, sechs oder gar sieben Stunden zu tagen. Das hält man in meinem Alter nicht mehr durch. In wenigen Tagen werde ich 79 Jahre alt.

Warum hat es Sie in den zweieinhalb Jahrzehnten nie in die Landespolitik gezogen?

Ich habe schon sehr früh die Ansicht vertreten, entweder ist man ganz unten beim Volk oder ganz oben, wo man jeweils etwas entscheiden kann. Alle Ebenen dazwischen taugen nichts, weil es zu viele Abhängigkeiten gibt. Dass es 1994 mit meiner Wahl als Direktkandidatin nicht klappte, ist nun mal so gewesen.

Als Kreistagsmitglied erlebten Sie die Landräte Dr. Udo Drefahl, Erhard Bräunig, Birgit Hesse und aktuell Kerstin Weiss an der Spitze der Kreisverwaltung Nordwestmecklenburgs. Was geben Sie als selbsternannter Methusalem des Kreistages der derzeitigen Landrätin mit auf den Weg?

Sie soll endlich mein Anliegen – was ich seit 2014 nicht geschafft habe – durchbringen: ein Sozialpass mit Sozialticket für die Empfänger von Hartz IV, Sozialhilfe und Grundsicherung. Diese Menschen benötigen das, damit sie verbilligte Tickets sowohl für den Öffentlichen Personennahverkehr als auch zum Beispiel für Museen erhalten können. Das liegt mir am Herzen, aber die Landrätin schiebt das Ganze immer wieder vor sich her. Städte wie Rostock sind da schon wesentlich weiter.

Welche politischen Erfolge verbuchen Sie für sich?

Zum Beispiel die Verhinderung einer Mülldeponie bei Nesow, die eine größere Kapazität haben sollte als der Ihlenberg bei Schönberg. Zusammen mit der SPD und dem Neuen Forum verhinderten wir Anfang der 1990er-Jahre dieses Vorhaben. Auch die CDU schloss sich einem entsprechenden Antrag in der Aula auf dem Gadebuscher Schlossberg an.

In der Zeit danach, als Erhard Bräunig noch Kreistagsabgeordneter war, stellten wir mit ihm und anderen die komplette Abfallwirtschaft auf den Kopf und die Weichen dafür, was wir inzwischen haben: niedrige Abfallpreise. Heute werden etwa fünf bis sechs Millionen Euro an Abfallgebühren eingenommen. Damals sollten die Bürger 21 Millionen D-Mark zahlen. Dass wir das verhinderten, darauf bin ich durchaus stolz.

Sie waren auch Vorsitzende eines Wahlprüfungsausschusses, als es darum ging, ob der von Ihnen erwähnte Erhard Bräunig 2001 Landrat werden durfte oder nicht.

Korrekt, damals warf die CDU ihm eine Stasi-Vergangenheit vor. Nachdem das Verwaltungsgericht Schwerin seine Wahl für rechtswidrig erklärt hatte, riefen wir auf meine Veranlassung hin einen Sonderkreistag ein und beschlossen den Gang vor das Oberverwaltungsgericht. Ich weiß noch, dass Erhard Bräunig mir spontan seinen Dienstwagen mit Kraftfahrer zur Verfügung stellte, um dort hinfahren zu können. Letztlich haben wir gewonnen und er konnte Landrat werden. Dass das Oberverwaltungsgericht Teile meiner Begründung fast wortgleich übernahm, sind Erlebnisse, die einschneidend sind.

Damals war Grevesmühlen noch Kreisstadt, heute ist es Wismar. Wie zufrieden sind Sie damit?

Na ja, das Land hat entschieden, dass Wismar Kreisstadt wird. Mit Wismaranern ist es aber mitunter bis heute ein schwieriges Verhältnis. Sie glauben immer noch, wir sind die Dummen vom Lande und sie sind die Schlauen aus der Hansestadt.

Ein Sorgenkind ist nach wie vor der ÖPNV in Nordwestmecklenburg, wie stehen Sie dazu?

Der ÖPNV gehört einerseits zur Daseinsvorsorge, andererseits wird er sich nie rechnen. Wenn wir für die Menschen auf dem Lande aber eine Anbindung erhalten wollen, müssen wir den ÖPNV finanziell stützen und benötigen dafür auch die Hilfe des Landes MV.

Endstation heißt es nun für Sie als Kreispolitikerin am 31. Dezember. Was werden Sie danach tun?

Also zur Weltenbummlerin werde ich schon mal nicht, da ich bereits in vielen Ländern gewesen bin. Meine Kinder meinen, ich sollte unbedingt ein Buch mit kuriosen Geschichten aus der Nachwendezeit schreiben.

Was würde darin nachzulesen sein?

Zum Beispiele Sachen, die noch nie in der Zeitung standen und bei denen es um manch fragwürdige Geschäfte mit noch fragwürdigeren Geschäftspraktiken ging.

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