Gesellschaft : Pokrent spricht über Demenz

Gesprächsrunde beim Themenabend in der Bauernstube von Pokrent.
Gesprächsrunde beim Themenabend in der Bauernstube von Pokrent.

Filmabend mit Diskussionsrunde im Dorfkino. Silke Gajek spricht mit Bürgern über das Miteinander und Fürsorge im Alter

svz.de von
10. November 2014, 00:32 Uhr

Kann ein Film über Alzheimer liebevoll sein? Ja, sehr. Regisseur David Sieveking dokumentierte in seinem Film „Vergiss mein nicht“ das Verschwinden seiner Mutter Gretl in der Demenz. Nah, bewegend, und – ja – auch sehr komisch. Aber niemals voyeuristisch.

Am Freitag wurde Sievekings Film in Pokrent im Rahmen des Dorfkinos gezeigt. Rund vierzig Zuschauer waren der Einladung ins Dorfhaus gefolgt, und diskutierten im Anschluss mit Silke Gajek, der 3. Vizepräsidentin des Landtages von MV, über das Thema. Gajek hatte den Film selbst vorgeschlagen. Die Politikerin der Grünen ist Mitglied des Schweriner Landtags und der Enquète-Kommission „Älter werden in MV“. In Pokrent ermöglichte die Gemeinde und Gajek gemeinsam, dass das Thema „Älter werden“ und Demenz auf einer kleinen regionalen Bühne diskutiert wurde. „Eine Tante von mir hatte Alzheimer. Das war vor 30 Jahren. Damals sperrte man die Leute einfach weg.“ Das Thema bewegt, weil die Krankheit Angst macht. Gesprochen wurde über Fragen wie: Was mache ich denn, wenn ich den Verdacht habe, dass ein Angehöriger Demenz hat. „Angehörige sind oft sehr hilflos und wissen nicht, wie sie sich verhalten sollen“, weiß Bernadett Schimanek, bis vor kurzem in der Dementenbetreuung beschäftigt. Alzheimer verändert das Leben der Angehörigen. Nichts ist mehr, wie es war.

Auch der Vater von Malte Sieveking hatte ganz andere Vorstellungen vom Rentnerleben, wollte eigentlich mit seiner Frau zusammen wieder ins Ausland gehen. Jetzt erkennt sie ihn manchmal nicht einmal. Aber zum ersten Mal in ihrem Leben sagt sie ihm „Ich liebe dich.“ Nicht immer ist die Familie in der Lage und willens so offen mit der Situation umzugehen wie Familie Sieveking. „Ich habe zum ersten Mal begriffen, was das eigentlich bedeutet, was das aus einem Menschen macht. Wir kennen niemanden, der betroffen ist“, sagt Friedhelm Neumann aus Pokrent. Gajek: „Das Thema wird uns immer mehr einholen. Wir müssen auch im ländlichen Bereich entsprechend kompetente Netzwerke schaffen.“ In Deutschland sind 1,2 Millionen Menschen von der Krankheit betroffen, schätzt man bei der Alzheimer Forschung Initiative e.V. Etwa 70 Prozent von ihnen werden zu Hause versorgt.

Wie anstrengend das ist, zeigte der mehrfach preisgekrönte Film. Aber er machte auch Mut und zeigte Wege auf, den betroffenen Menschen neu für sich zu entdecken, indem man ihn in seinem Mikrokosmos besucht, statt ihn zu bedauern, ihn in seiner manchmal sogar unterhaltenden und unverstellten Art ins Leben integriert, so lange es eben geht.

Der Alzheimer seiner Mutter sei nicht nur ein Verlust, sondern auch ein Gewinn gewesen, sagte Sieveking einmal in einem Interview zum Film. Und so wurde er zur Liebeserklärung, nicht zum Abschied. David Sieveking: „Die Mutter, die ich früher kannte, gibt es nicht mehr. Aber was aus ihr wurde, hat unsere Familie näher zusammen gebracht.“ Stefan Janssen, Bürgermeister von Pokrent: „Es war ein sehr berührender Film.“



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