Mauerfall 1989 : Pokrent gibt Bürgern Hoffnung

Demonstration und der Ruf nach freien Wahlen im Herbst 1989 in Gadebusch.
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Demonstration und der Ruf nach freien Wahlen im Herbst 1989 in Gadebusch.

Rund 300 Bürger diskutierten nach anfänglichem Verbot in der Kirche über Zukunftsfragen

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08. November 2014, 00:05 Uhr

Im Herbst 1989 wird das Ende für den SED-Staat DDR eingeläutet. In zahlreichen Orten der Republik brodelt es, sind die Menschen unzufrieden, wollen Veränderungen, frei ihre Meinung äußern. Sie gehen auf die Straßen. Der kleine Ort Pokrent und mit ihm seine Dorfkirche ermöglichen den Auftakt einer Reihe von Bürgerprotesten in der Region Gadebusch. Pastor Michael Blumenschein erinnert sich, denn seine Dorfkirche wird zum ersten Versammlungsort. „Ursprünglich war die Veranstaltung in Rögnitz geplant. Die Staatssicherheit übte einen derart großen Druck auf die Organisatoren aus, dass ich gefragt wurde, ob ich die Kirche öffnen kann.“ Der damalige Kinderarzt Dr. Jürgen Förster und Christel Schotte, beide Neues Forum, organisieren die Versammlung. Für Pokrent ein historischer Tag, denn zeitgleich gingen am 9. Oktober 1989 in Leipzig 70 000 Menschen auf die Straße. „In Pokrent reichte das Pfarrhaus nicht aus, um die 300 Menschen, die zu uns kamen, aufzunehmen. Wir nahmen die Stühle und zogen in die Kirche“, so Blumenschein.

Für ihn sei die Anspannung der Menschen spürbar gewesen. Niemand wusste zu diesem Zeitpunkt, wie der Abend enden würde. „Eine unbekannte Zahl von Stasimitarbeitern notierte Autokennzeichen und saß vor dem Ortseingang in Mannschaftswagen“, notierte Blumenschein in der Chronik zum 9. Oktober. Vertreter vom Rat des Kreises Gadebusch versuchten Stunden zuvor Einfluss zu nehmen, damit die Kirche „sich nicht Reaktionären Kräften öffnet“. Der Beauftragte für Kirchenfragen drohte der Kirchgemeinde mit Konsequenzen, ohne Erfolg. Die Kirche öffnet, eine kleine Andacht folgt und die erlösende Nachricht, dass die Montagsdemo in Leipzig friedlich verlief.

Den späteren Landesbischof Hermann Beste wählten die Menschen zum Versammlungsleiter. Die hitzige Debatte in der Kirche widmete sich Fragen zur Versorgung, über Baumaterialien und warum ein Vertreter des Kreises einen Golf fuhr. Bestellt erschienene Mitarbeiter des Staatsapparates versuchten Antworten zu geben. „Von der Vorstellung, dass die DDR bald untergehen würde, waren wir weit weg. Es ging darum eine bessere DDR zu schaffen, den Alleinvertretungsanspruch der SED zu brechen“, so Blumenschein.

Es folgten weitere Demonstrationen in Gadebusch, einhergehend mit heftiger Kritik an den DDR-Medien, wo Pressezensur und Gleichschaltung weiter funktionierten und die zugesagte Berichterstattung über die Veranstaltung in der Kirche Pokrent ausblieben.

25 Jahre sind die Ereignisse her. Aber von den Erfahrungen aus der DDR und der Wende lässt sich heute noch einiges einbringen, davon ist Blumenschein überzeugt. „Der Aufbau einer besseren DDR, das wissen wir heute, waren Träumereien, denn die DDR war am Ende und ohne materielle Unterstützung nicht lebensfähig.“ In puncto Demokratie könne niemand den Himmel auf Erden versprechen, meint der Pastor, aber so wie sie heute funktioniere, sei sie eine wichtige Errungenschaft.


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