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Schlagsdorf : Plötzlich gab es Neuhof nicht mehr

vom
Aus der Redaktion der Gadebusch-Rehnaer Zeitung

Erinnerungstag zu Zwangsaussiedlungen und geschleiften Dörfer zwischen Ostsee und Elbe im Grenzhus

Früher standen in Neuhof einmal Häuser, lebten Menschen, lachten und spielten Kinder. 1977 erstarb das Lachen, die Bewohner von Neuhof wurden zwangsausgesiedelt, ihre Häuser abgerissen – das Dorf wurde geschleift.

Neuhof ist nur ein Beispiel für über Jahrhunderte gewachsene Dorfstrukturen, die unter dem DDR-Regime plötzlich ausgelöscht wurden. „Es gibt keine wissenschaftlich fundierte Aufstellung darüber, wie viel Dörfer betroffen waren“, sagt Dr. Andreas Wagner, Leiter des Grenzhus in Schlagsdorf. „In einigen Publikationen wird die Zahl von 13 Dörfern im Kreis Nordwestmecklenburg genannt.“ Doch dies sei nur eine Annäherung, sagt Wagner. „Manchmal waren es nur einzelne Gehöfte, die geschleift wurden.“ Die genaue Erfassung der Orte und ihrer Geschichte sei eine Aufgabe für die Zukunft.

Derzeit gibt es noch keine vollständige, systematische Übersicht zu diesem Thema, lediglich einzelne Geschichten wurden dokumentiert. Wissenschaftler beginnen gerade, sich mit der Thematik intensiver zu befassen, die verschwundenen Orte ausfindig zu machen und zu markieren und mit Betroffenen zu sprechen.

In zwei Aussiedlungswellen 1952 und 1961 wurden hunderte von Menschen aus den Grenzdörfern und –städten zwischen Ostsee und Elbe zwangsausgesiedelt, die in den Augen der SED-Führung und der Sicherheitskräfte als nicht zuverlässig erschienen. Aber auch in den folgenden Jahren kam es immer wieder zu einzelnen Zwangsumsiedlungen. „Insgesamt wurden 11 000 Menschen entlang der DDR-Grenzen zwangsausgesiedelt“, sagt Andreas Wagner.

350 000 Menschen lebten im Sperrgebiet und damit auch mit der Bedrohung der Schleifung ihrer Dörfer. „Es gab nur Gerüchte, warum die Dörfer geschleift wurden. Die Angst vor dieser Bedrohung diente auch als Maßnahme zur Disziplinierung“, so Wagner. Die schleichende Leerung der Dörfer im Schutzstreifen, endete in den 1970er-Jahren häufig mit der Zerstörung ganzer Dörfer. „Für die Grenzsicherung brauchte man freies Sicht- und Schussfeld“, erklärt der Leiter des Grenzhus. „Viele Betroffene leiden bis heute unter dieser Willkür- und Ohnmachtserfahrung.“ Heimatverlust, materielle Verluste, Diffamierungen und Benachteiligungen machten ihnen zu schaffen. „Dieses Thema ist auch heute noch für die Region von großer Bedeutung“, sagt Andreas Wagner klar. „Es hat die Dörfer, die Landschaft und die Zusammensetzung der Bevölkerung hier bei uns verändert.“

Heute besteht entlang der ehemaligen Grenze das „Grüne Band“, ein Streifen Natur. „Um diese Landschaft zu verstehen, muss man aber auch wissen, wie sie entstand“, findet Wagner. „Dieses lebendige und auf die Zukunft orientierte Mahnmal erinnert an die Teilung und fordert uns auf, die Schicksale der Betroffenen nicht zu vergessen.“

Deshalb erinnert das Grenzhus am 10. Mai an die Zwangsaussiedlungen aus dem DDR-Grenzsperrgebiet und das Schleifen von Dörfern an der ehemaligen innerdeutschen Grenze. Dazu findet von 9 Uhr bis 16 Uhr eine Veranstaltung in Schlagsdorf statt, auf der die Ereignisse und vor allem ihre Folgen für die Betroffenen und die Gemeinden im ehemaligen Sperrgebiet vorgestellt werden.

In Fachvorträgen sollen die Ereignisse beschrieben und erklärt werden, wie es zu den Zwangsaussiedlungen kam. Dr. Sandra Pingel-Schliemann wird die regionale Geschichte im Kreis Gadebusch in den Mittelpunkt ihres Vortrages stellen. Es gibt Filmausschnitte zu Interviews mit Betroffenen aus dem Raum Hagenow zu sehen und in einer Diskussionsrunde soll das Thema besprochen werden, wie die Geschichten zu und aus den geschliffenen Dörfern an die nachfolgenden Generationen weitergegeben werden können. Außerdem wird im Rahmen der Veranstaltung die neue Informationstafel des Biosphärenreservats Schaalsee zum geschleiften Dorf Neuhof eingeweiht.

Die Veranstaltung findet in Zusammenarbeit mit der Landesbeauftragten MV für die Stasiunterlagen, der Landeszentrale für politische Bildung MV, der Domgemeinde Ratzeburg, der Evang.-Luth. Kirchgemeinde Schlagsdorf sowie den Gemeinden Schlagsdorf und Utecht statt. Die Veranstalter bitten bei Interesse an der Veranstaltung, um eine Anmeldung im Grenzhus in Schlagsdorf. Für die Verpflegung wird ein Teilnahmebeitrag von fünf Euro erhoben.

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erstellt am 27.Apr.2014 | 00:00 Uhr

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