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Kritik aus Wakenstädt : Papiertiger „Pflegesozialplanung“

vom
Aus der Redaktion der Gadebusch-Rehnaer Zeitung

Denise Konieczny arbeitet als Pflegedienstleiterin und sieht das Konzept des Landkreises skeptisch

svz.de von
erstellt am 19.Okt.2017 | 04:45 Uhr

„Bis zum Jahr 2030 wird der Bedarf an Pflege erheblich steigen“ – Denise Konieczny ist seit 27 Jahren in der Pflege tätig und kennt die Problematik mit wenig Personal und steigenden Bedarf aus erster Hand. Die nun vorgestellte Pflegesozialplanung des Landkreises geht ihr nicht weit genug. Sie sei zu ungenau, zu schwammig und ohne konkrete Ziele. „Die Fragen wurden nicht richtig gestellt. Der Landkreis sollte mehr tun, als eine Ist-Analyse zu erstellen“, so die Wakenstädterin. Sie selbst sitzt als „sachkundige Bürgerin“ im Sozialausschuss des Kreises. Im Interview mit SVZ Volontär Tore Degenkolbe erklärt sie ihre Sicht auf die Pflege.

In welchen Bereichen der Pflege sehen Sie Probleme?
Also erstens im ambulanten Bereich, was statistisch auch nachgewiesen ist. Vor allem liegt da das Problem im Personellen und in der Stellenbesetzung bei immer steigendem Bedarf. Ambulant soll gefördert werden, es ist aber nachgewiesen, dass der Personalbestand nicht ausreichend ist.

Auch die palliative Betreuung wird immer wichtiger. Auch im vorstationären Bereich und der Kurzzeitpflege. Hier sollten Schulungen und die Förderung des Ehrenamtes ansetzen.

Gibt es noch weitere Bereiche mit Bedarf?

Noch immer zu wenig berücksichtigt ist hierbei das Auffangen von nicht nur dem Betroffenen selbst, sondern auch den Angehörigen. Zum Beispiel in der Demenzbetreuung. Da sehe ich den Bedarf, dass Angehörige, die Mutter, Vater oder Onkel und Tante betreuen, zusätzlich entlastet werden müssen. Die Pflege ist nicht nur physisch sondern auch psychisch belastend. Daher müssen neuartige Angebote geschaffen werden, um die Pflegenden zu entlasten. Dazu gehört zum Beispiel auch mal ein Urlaub. Da wäre ein Platz in der Kurzzeitpflege wünschenswert. Dann ist der Demente in der Zeit gut untergebracht und die Angehörigen können sich regenerieren.
Letztlich werden die Probleme nicht weniger. Denn die geburtenstarken Jahrgänge nach dem Krieg kommen um 2030 in die Pflege und werden von geburtenschwachen Jahrgängen gepflegt.

Wie soll die Situation verbessert werden?
Mit einer effizienten Planung zur Problemlösung.
Was mir immer so weh tut, wenn man über das ganze Thema schimpft, ist, dass der Pflegeberuf ein schöner Beruf ist. Geredet wird aber meist von Mangel, von Überlastung, von schlechten Arbeitszeiten – die Jugend fragt sich dann: Warum soll ich im Dreischicht-System arbeiten gehen? In den Vordergrund geschoben wird, dass sich das schlecht mit Kind und Familie vereinbaren lässt, dass die sozialen Kontakte darunter leiden aber nicht, dass es ein verantwortungsvoller, wichtiger und anspruchsvoller Beruf ist.

Jeder Bereich der Pflege hat seine Besonderheiten. Es kommt viel an Dankbarkeit zurück. Und wenn wir dann wegen schlechter Kommunikation über den Beruf weniger Pflegekräfte haben, finde ich das tragisch. Um die Situation zu verbessern sollte daher differenzierter betrachtet werden und auch die Vorzüge in den Fokus gerückt werden – Stichwort Nachwuchswerbung.

Kann für den Pflegeberuf noch mehr getan werden?

Auch die Sichtweise auf die Senioren in der Gesellschaft sollte überdacht werden. Wenn man immer nur denkt: Was ist der alte Mensch wert? Kostet er nur Geld, weil er gepflegt werden muss oder hat er vielleicht im Vorfeld viel für die Gesellschaft getan? Müsste es dem Land dann nicht wert sein, eine gute Versorgung sicherzustellen? Aber das Auseinandersetzen mit dem Altwerden und dem Sterben ist ein Tabuthema in der Gesellschaft. Wir alle werden alt, das weiß ich. Mein Sohn wollte mir immer einen „Omasitter“ besorgen, ich habe aber die Befürchtung, dass es dann kaum noch „Omasitter“ gibt. Auch eine bessere Bezahlung wäre gut. Denn viele Mitarbeiter werden sich die Pflege, die sie jahrelang hier erbracht haben, selbst später so gar nicht mehr leisten können. Aber wer hat denn tatsächlich ein Interesse daran, dass die Gehälter zeitnah erhöht werden und nicht nur den Mindestlohn bekommen?
Was wäre in der Pflege das Ideal?

Was ich mir wünschen würde ist, dass auch der Aspekt der psychosozialen Zuwendung mehr Berücksichtigung findet. Dass man auch mal wieder Zeit hat sich ans Bett zu setzen und einen Schnack zu halten. Das ist manchmal wichtiger, als jemanden von Kopf bis Fuß zu waschen. Dieses Zwischenmenschliche scheint mir immer mehr zu kurz zu kommen. Man weiß welche Leistungen erbracht werden sollen und man arbeitet sie ab, aber der Kontakt zwischen den Menschen bleibt oft an der Oberfläche.

Im Hospiz ist der Personalschlüssel zwar so, dass ich dazu in der Lage bin, aber in der Altenpflege ist der längst nicht mehr gegeben. Aber: Muss ich wirklich erst sterbend sein, damit man mich als ganzen Menschen wahrnimmt. Wäre es nicht besser, auch ein bisschen Zeit einplanen zu können, damit die Fachkraft, die zu Pflegende spritzt, auch ein langes Gespräch führt?

Pflege ist aus dem Gedanken der Nächstenliebe erwachsen. Es ist ein Unterschied, ob ich meinen Job als Dienstleistung betrachte – und das können die Jungen wesentlich besser als die Alten – oder ob es der Passus „Dienst am Nächsten“ ist. Ein Umdenken würde ich gerne sehen.

Wie sehen Sie die Zukunft der Pflege im Landkreis?

Wenn eine bessere Planung vorhanden ist, kann man intervenieren. Aber die Situation hat sich innerhalb eines Jahres schon verschlechtert und wir schauen das nächste Mal erst 2020 drauf. Wenn man bis dahin nichts tut, wäre es dann verwunderlich, wenn es dann noch schlechter aussieht? Wenn nichts unternommen wird, freue ich mich nicht auf mein Alter.

In der jetzigen Pflegeplanung wurde zum Beispiel gar nicht berücksichtigt, wie viele von dem momentanen Pflegekräften in Rente gehen. Die müssen ersetzt werden. Darum sollte sich jeder, der bei solchen Planungen dabei sitzt, fragen: Wer soll mich später versorgen und wie?


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