Gerda Horstmann aus Gadebusch : Ostpreußen ist Teil der Geschichte

Gerda Horstmann
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Die Erinnerung an die Heimat bewahren: SVZ-Interview mit Gerda Horstmann, die1945 mit ihrer Familie nach Westmecklenburg flüchtete

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28. Juni 2016, 21:00 Uhr

Die Generation der Kriegsflüchtlinge aus den ehemaligen Ostgebieten verschwindet allmählich. Der Verein „Gruppe der Ostpreußen“ hielt bis zu seiner Auflösung im Frühjahr 2016 die Erinnerung wach, obwohl er jahrelang mit einer schwindenden Mitgliederzahl zu kämpfen hatte. Gerda Horstmann ist 85 Jahre alt und leitete den Verein über viele Jahre. Mit Maximilian Kase sprach die Gadebuscherin über ihre Erinnerungen.

Der Verein „Gruppe der Ostpreußen“ wurde im Frühjahr dieses Jahres aufgelöst. Glauben Sie, dass eine Chance besteht, die Erinnerung auch nach über 70 Jahren noch wach zu halten?
Das glaube ich schon. Zugegeben, es ist traurig, dass immer mehr Leute aus unserem Verein aus Altersgründen ausgeschieden sind. Aber das ist der natürliche Lauf der Zeit. Dass unser Verein dann im Frühjahr aufgelöst wurde, muss nicht das Ende der Erinnerung bedeuten. Denn ich erlebe, dass sich auch junge Leute nach wie vor für das Thema begeistern. Und die geschichtliche Auseinandersetzung in den Schulen, Universitäten und Medien ist ja noch lange nicht ausgeschöpft.

Denken Sie, dass das Thema Ostpreußen noch stärker im Geschichtsunterricht verankert werden sollte?
Ja, das denke ich. Die jungen Leute von heute vergessen allzu leicht, dass das ehemalige Ostpreußen und sein Untergang mit allen Folgen ein Teil der deutschen Geschichte ist. Sie sollen verstehen, in was für einer Welt wir damals gelebt haben und mit welcher Brutalität die Vertreibung der Menschen aus den ehemaligen Ostgebieten einher ging. Die Geschichte vom Untergang Ostpreußens sollte den Menschen von heute ein Symbol für die Grausamkeit und Absurdität des Krieges sein.

Können Sie die Umstände beschreiben, unter denen Sie im Frühjahr 1945 aus Ostpreußen geflüchtet sind?
Wir lebten damals in Klein Gnie an der Swine in der Provinz Gerdauen. Im Frühjahr 1945 rückte dann die Rote Armee auf Ostpreußen vor. Vom Krieg hatten wir bis dahin kaum etwas mitbekommen. Die Flucht war dann schrecklich. In den Trecks übers Haff, mit den Panzern im Rücken und Tieffliegern über den Köpfen musste man jeden Tag um sein Leben fürchten. Und später ist meine Familie unter sehr ärmlichen Bedingungen im Westen Mecklenburgs untergekommen. Es war wirklich furchtbar. Das wünscht man keinem Menschen. Ich bin froh, dass diese Zeit vorbei ist.
Welche Projekte hat der Verein „Gruppe der Ostpreußen“ in den vergangenen Jahren auf die Beine gestellt?
Wir haben jedes Jahr ein Erntefest und eine Weihnachtsfeier ausgerichtet. Zudem haben wir eine Reihe von Ausflügen organisiert, unter anderem nach Usedom, nach Stralsund ins Ozeaneum, nach Laboe, an die Nordsee und in die Lüneburger Heide.

Wenn Sie könnten, würden Sie Ihre alte Heimat gerne noch einmal besuchen?
Sehr gerne würde ich das. Dann könnte ich sehen, wie sich alles verändert hat. Könnte an alte Orte zurückkehren, insofern es diese heute noch gibt. Aber ich bin mir nicht sicher, ob ich mich in meiner Heimatstadt, die heute zu Polen gehört, noch zurechtfinden würde. Ich weiß nicht mal, ob mein Geburtshaus noch steht.

Sehen Sie Parallelen zwischen der Vertreibung der Menschen aus den ehemaligen Ostgebieten 1945 und der heutigen Flüchtlingskrise in Europa?
Das kann man nicht miteinander vergleichen. Sicher gibt es Parallelen. Die Menschen, die heute aus dem Bürgerkrieg in Syrien fliehen, verdienen eine sichere Bleibe. Aber wenn ich sehe, wie heute von den Flüchtlingen vieles ausgenutzt und alles als selbstverständlich angesehen wird, denke ich manchmal, dass wir es damals noch viel schwerer hatten. Man muss aber zwischen Ausländerfeindlichkeit und Kritik an Asylkriminalität trennen können.
Haben Sie ein Vorbild?
Ja, meine alte Lehrerin von damals. Die hat sich nicht von den Nazis vereinnahmen lassen. Das war eine gute Seele in Person. Zwar musste sie manchmal auch streng sein, doch war sie dabei uns gegenüber immer fair. Ich hatte als Kind großen Respekt vor meiner Lehrerin.
Wen würden Sie gerne noch einmal treffen?
Ein paar alte Schulfreunde von damals würde ich schon gerne noch einmal treffen. Ich weiß ja auch nicht, wie viele von denen noch leben. Aber es wäre nett, noch einmal über unsere Kindheit und unsere gemeinsame Schulzeit in Ostpreußen zu plaudern.
Welches ist ihr Lieblingsplatz in Nordwestmecklenburg?
Ich liebe es, im Wald spazieren zu gehen, oder manchmal, wenn unser Enkel zu Besuch kommt, mit ihm nach Boltenhagen an die Ostsee zu fahren. Wälder, Felder, Wiesen und das Meer sind die Plätze, die mich an meine damalige Heimat erinnern. Aber ich weiß, dass diese Welt für immer versunken ist.

Was würden Sie als Bürgermeisterin dieser Stadt sofort ändern?
Mit Politik habe ich nichts mehr am Hut. Ich bin froh, dass ich mit 85 Jahren noch lebe. Vielleicht würde ich als Bürgermeisterin etwas mehr für die soziale Gerechtigkeit und den inneren Frieden in unserer Stadt sorgen. Junge Menschen haben es heutzutage auf dem Arbeitsmarkt nicht mehr so leicht. Die Menschen in unserer Stadt sollten viel mehr zusammenhalten und sich von kleinlichen Dingen nicht die Sicht einengen lassen.

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