Vollverpflegung : Neuregelung bringt Kita in Bedrängnis

Die Eltern haben dazugelernt: Wenn Cornelia Friese wahllos eine Brotdose öffnet, findet sie nur gesundes Essen.
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Die Eltern haben dazugelernt: Wenn Cornelia Friese wahllos eine Brotdose öffnet, findet sie nur gesundes Essen.

Jugendamt erteilt Auflagen, die die Tagesstätte nicht erfüllen kann

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26. November 2014, 07:00 Uhr

Geht es allein nach dem Willen des Landkreises Nordwestmecklenburg, muss Cornelia Friese ihre Kita „Puschel“ in Renzow schließen. Denn mit der Änderung des Kindertagesförderungsgesetzes (KiföG) kommen auf die Kitas im Land einige Neuerungen zu (SVZ berichtete). Diese Änderungen betreffen jedoch nur die Verantwortlichkeiten, nicht die Organisation der Vollverpflegung der Kinder in den Einrichtungen. Immer wieder gibt es gegenteilige Meinungen oder andere Interpretationen. „Es steht den Kitas frei, das Essen selbst zuzubereiten oder einen Caterer zu beauftragen. Natürlich soll auch diese Entscheidung in Absprache mit den Eltern fallen“, betonte Christian Möller, Sprecher des Sozialministeriums.

Und genau auf diese Aussage hat Cornelia Friese gewartet. Denn bisher hat sie von ihrem zuständigen Jugendamt lediglich Auflagen bekommen, die sie nicht erfüllen kann. In einem Kontrollbericht vom Juli heißt es: „Für die Ganztagsversorgung benötigt die Einrichtung eine Arbeitskraft mit einem Gesundheitszeugnis, zur Lagerung der Lebensmittel Regale und einen Kühlschrank“, abschließendes Credo des Berichts: „Dafür ist die Einrichtung zu klein.“

Ein Anbau für das Renzower Haus würde mindestens 70 000 Euro kosten, schätzt die Kita-Leiterin. Geld, das momentan nicht vorhanden ist. „Wir sind nur Mieter in diesem Haus, Eigentümer ist die Gemeinde. Ich weiß aber, dass der Bürgermeister so viel Geld nicht auf der hohen Kante hat und uns jetzt einen Anbau nicht finanzieren kann“, erklärt Cornelia Friese. Sie betreibt die Kita Puschel seit 2001 in eigener Regie und beschäftigt zwei Angestellte.

Viele Nächte hat die Erzieherin wach gelegen und über das Problem nachgedacht. „Ich kam nur immer wieder zu dem Entschluss, dass das nicht sein kann. Ich lass mir doch meine Kita nicht kaputt machen. Seit Jahren arbeiten wir auf eine gesunde Ernährung mit den Kindern hin und nun soll das alles nicht mehr sein“, wettert die Erzieherin. Cornelia Friese will sich wehren. Sie kann sich durchaus vorstellen, dass es Fälle gibt, in denen Kindern eben nur mit Süßigkeiten in der Brotdose in die Einrichtung geschickt werden.

„Ich hatte am Anfang auch Eltern, die nicht recht wussten, was zum gesunden Frühstück dazugehört. Doch wir haben das mit Kommunikation auf Augenhöhe hinbekommen“, erklärt sie und zieht wahllos einen Rucksack aus dem Regal, öffnet die Brotdosen. „Da haben wir Vollkornbrot, Paprika und Apfelmus. Ich könnte jeden x-beliebigen Rucksack nehmen, es wären nur gesunde Sachen drin.“ Und genau das sei auch Aufgabe der Kita, sie solle erziehungsbegleitend arbeiten. „Wir können Eltern doch nicht entmündigen. Sie müssen den Kindern in der Schule auch ein Pausenbrot mitgeben. Da kann es auch nicht nur ein Schokoriegel sein. Vollverpflegung ja, aber in Zusammenarbeit mit den Eltern, lautet die Forderung der Renzower Kita-Leiterin.

Auf einen Kompromiss will sie sich aber gern einlassen. „Ich halte ab 1. Januar immer ein Notfallpaket vor. Müsli, Käse, Wurst, Milch und Vollkornbrot. Und sollte eines der 40 Kinder dann ohne Frühstück kommen, bin ich ja vorbereitet“, erläutert sie ihre Auslegung der Kifög-Änderung. Mit dieser Lösung könnten die Eltern ihrer Kita-Kinder leben. „Aber sie lassen sich auf keinen Fall entmündigen. Und sollte es wider Erwarten jetzt doch noch anders kommen, dann sitze ich das aus. Im schlimmsten Fall, gebe ich die Schlüssel ab“, sagt sie und ergänzt: „Das wäre allerdings ein sehr bitteres Ende nach 33 Berufsjahren.“

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