Dechow : „Nachholspiel“ mit Wow-Effekt

Die Vollblutschauspieler Christopher Nell, Claudia Graue und Marcus Melzwig (v.l.) als A-Capella-Trio Muttis Kinder facettenreich auf der Dorfbühne Dechow.  Fotos: Bernd Möschl
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Die Vollblutschauspieler Christopher Nell, Claudia Graue und Marcus Melzwig (v.l.) als A-Capella-Trio Muttis Kinder facettenreich auf der Dorfbühne Dechow. Fotos: Bernd Möschl

Atemloses Staunen und herzliche Begeisterung über A-Capella-Trio Muttis Kinder in Dechow

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11. November 2019, 05:00 Uhr

Im Vorjahr hatte Dechow noch umsonst gewartet und auch diesmal hatten Muttis Kinder mit Anreiseproblemen zu kämpfen. Doch als Claudia Graue, Marcus Melzwig und Christopher Nell am Freitagabend endlich bei den Kulturtagen auf der Dorfbühne standen, herrschte zunächst greifbare Stille.

Drei Personen und ein ansehnliches Mikrofon starr im Scheinwerferlicht – ansonsten nichts vor dem tiefschwarzen Bühnenhintergrund … Dann entfaltet einer langsam ein Blatt Papier, die drei Akteure betrachten den „Spickzettel“ und beginnen schweigend ein Ritual der tuchfühlenden Abstimmung und Konzentration, wie abgewandelt noch öfter an diesem außergewöhnlichen Abend zu erleben.

Mit einem schüchternen „Hallo Dechow! Cool hier zu sein – ja cool.“ begrüßten Muttis Kinder ihr gespanntes Publikum. Aus weitem Umkreis – gar aus Hamburg und Berlin - war man gekommen in das westmecklenburger Dörfchen, um jene drei ehemals Rostocker Studenten der Hochschule für Theater und Musik zu erleben, von denen es hieß, dass ihnen beim Studium der Gesang zu kurz gekommen sei. Deshalb hatten sie 2002 ihre offenbare Seelenverwandtschaft in künstlerisch eigenständige Formation gebracht, welche seitdem durch die deutschen Lande und die Welt tingelt mit Auftritten, die den Ruf erwarben, nachhaltig legendär zu sein.

„Das epische Pogramm“ (richtig: ohne ein „r“) war die aktuelle Bühnenshow dieses einzigartigen Ensembles inzwischen gestandener Schauspieler – bekannt von Theater und TV (u.a. BE, SoKo Wismar) – betitelt. Und dies blieb nicht die einzige „Ungereimtheit“ mit Hintersinn in dieser hier in vergleichbarer Art noch nie erlebten Aufführung (siehe: „I pommes myself“).

Denn nach dem vorsichtig tastenden Auftakt nahmen die beiden von Statur und Habitus höchst unterschiedlichen und doch augenscheinlich befreundeten Herren Christopher Nell und Marcus Melzwig ihre mehr als geschätzte Kollegin Claudia Graue in die Mitte und entzündeten gemeinsam ein Feuerwerk der Stimmakrobatik, bei dem schon die allererste Nummer „A wonderful life“ (nach Black) dem gesamten vollbesetzten Saal Gänsehaut bereitete.

Die drei Ausnahmekünstler verstanden es nämlich, nicht nur ihre Gesangsstimmen vortrefflich einander ergänzend einzusetzen, sondern zugleich mit akustischen Effekten des gesamten Instrumentalspektrums zu verweben, ohne auch nur ein einziges materielles Instrument zu benutzen. Das wurde besonders augenscheinlich, als Christopher Nell ganz allein Queens Band-Sensation „Bohemian Rhapsody“ inklusive Luftgitarren-Solo interpretierte, und damit all jene vollends überraschte, die eingangs noch skeptisch fragten: „A capella als Trio?“.

Wie genial das sein kann, erlebte das Publikum unter anderem bei einem Gitte-Haenning-Medley, diversen Rock- und Pop-Ohrwürmern, Romantischem nach Queen Bee mit Ina Müller, dem Keimzeit-Shanty „Singapur“ oder auch Selbstgeschriebenem. Bei all dem kam natürlich das mimische Talent der Drei nicht zu kurz, die vor allem auch mit ausgefeilter Körpersprache zu beeindrucken wussten und im Verlauf des Abends auch ihrem hintergründigen Humor freien Lauf ließen, z.B. „Bibi & Tina reiten“ zu Ennio Morricone oder Chris Isaaks „Wicked Game“ als bis ins Letzte ausgefeilte Stimm-Probe ihrer imaginären Musikinstrumente.

Zwischen atemloser Stille und überschäumendem Jubel hin und hergerissen, erwuchs zwischen dem Publikum im Saal und den drei „Lichtgestalten“ auf der Bühne an diesem Abend eine gefühlte Partnerschaft, in deren Verlauf Muttis Kinder sich nicht nur an den Ortsnamen Dechow mit langem „E“ gewöhnten, sondern sogar spontane Publikumsrufe wie „Textdatei“ dankbar in ihre augenzwinkernde Moderation aufnahmen. Ein offenbar für alle Beteiligten überaus angenehmer und unvergesslicher Abend bei den Kulturtagen Dechow.



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