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Hexen in Gadebusch : Nachbarschaftsstreit mit Folgen

vom
Aus der Redaktion der Gadebusch-Rehnaer Zeitung

Historikerin erklärt in Gadebusch die Ursache von Hexenprozessen und welche Folgen das hatte

svz.de von
erstellt am 12.Apr.2016 | 05:00 Uhr

Was waren sie nun? Unschuldig Verfolgte oder böse Geister? Sollen sie rehabilitiert werden oder geht das zu weit?

Das Thema Hexen bewegt die Gadebuscher seit geraumer Zeit. Die Historikerin Katrin Moeller räumte mit ihrem Vortrag im Gadebuscher Rathaus mit ein paar Vorurteilen auf: Nein, die vermeintlichen Hexen belegten nicht Wildfremde mit ihren Flüchen. Nein, sie hatten auch keine übersinnlichen Fähigkeiten.

Die Hochzeit der Hexenprozesse ist im 16. und 17. Jahrhundert. Meist war es das Ergebnis von jahrelang schwelenden Nachbarschaftskonflikten. Was heute der Maschendrahtzaun ist, war früher das unerklärliche Viehsterben oder das unerklärliche Erkranken eines Menschen.

Die Linke in Gadebusch hatte die Historikerin Katrin Moeller von der Universität Halle-Wittenberg eingeladen, nachdem die Stadtvertretung sich zur Rehabilitation der verurteilten Hexen entschlossen hatte. Die Historikerin hat in ihrer Doktorarbeit die Hexenprozesse in MV untersucht und erklärte, wie sehr Angst vor Veränderungen die damalige Zeit prägte und das Tolerieren von Hexenprozessen fördert. Das Mittelalter endet, die Frühe Neuzeit beginnt. Die Menschen wissen nicht, was kommt. „Die Angst frisst sich in die Gesellschaft hinein“, sagt Moeller. Ein dezenter Fingerzeig auf aktuelle Diskussionen.

Moeller skizziert mit Blick auf Rehabilitationsbemühungen auch, wie schwierig die Unterscheidung zwischen Tätern und Opfern ist. Beispiel Hans Kloth aus Buchholz. Am 4. September 1670 schickt er ein Gnadengesuch an den Herzog. Kloth will verhindern, dass seine Frau Anna Lowsche das Amt Gadebusch verlassen muss. Sie wird der Hexerei verdächtigt. „Unter Folter legt sie ein Teilgeständnis ab“, erklärt Katrin Moeller. Das Familiendrama, das sich anbahnt hat eine lange Vorgeschichte. Hans Kloth war Jahre zuvor Ankläger in einem Hexenprozess. Nach einem mysteriösen Viehsterben und dem Tod seines Sohnes verdächtigt er seine Nachbarin, eine Hexe zu sein. Sie hatte dem Sohn zuvor gedroht. Für die Menschen bestand damals zwischen solchen Ereignissen ein Zusammenhang.

Was sich nach Willkür anhört, folgt dem Rechtsverständnis dieser Zeit. „In den Hexenprozessen müssen zum ersten Mal Beweise vorgelegt werden“, sagt Katrin Moeller. Für die damalige Zeit ein Meilenstein. Zumindest bis zum 30-Jährigen Krieg (1618-1648) hält sich dieses Rechtsverständnis. Nach 1648 ändert sich das. „Die Maßstäbe werden heruntergefahren“, erklärt die Wissenschaftlerin. „Danach zählen Besagungen.“ Das sind nichts anderes als unter Folter preisgegebene Namen. Ursache für diese Entwicklung ist eine andere bedenkliche Entwicklung: „Das Hexenkonzept gilt als plausibel“, sagt die Wissenschaftlerin. Es hatte sich zum gesellschaftlichen Konsens entwickelt und wurde nicht mehr in Frage gestellt.

In Mecklenburg-Vorpommern hat die Wissenschaftlerin 4000 Hexenprozesse gezählt, in der Stadt Gadebusch 30 und im Amt 78. Besonders viele gab es in Veelböken und Vietlübbe. Im Deutschen Reich werden 25 000 solcher Prozesse geführt. In keinem anderen europäischen Land wird diese Zahl nur annährend erreicht. Und noch ein Vorurteil entkräftet die Historikerin: Die katholische Kirche ist so gut wie nie in Hexenprozesse involviert. In den katholisch geprägten Ländern Südeuropas gibt es nur wenige Hexenprozesse.

Was aus gesellschaftlicher Ja-Sagerei werden kann, zeigt eine dramatische Entwicklung. Schon Kinder werden wegen Hexerei angeklagt. „Das jüngste ist gerade drei Jahre alt“, sagt Moeller.

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