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Kaliningrad : Nach 68 Jahren das Grab ihres Bruders

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Fast sieben Jahrzehnte der Ungewissheit plagen eine 85-jährige Frau aus Nordwestmecklenburg. Sie verlor wenige Wochen vor Ende des Zweiten Weltkrieges ihren Bruder. An dessen Grab Abschied nehmen konnte Sie bislang nicht

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erstellt am 23.Sep.2013 | 07:14 Uhr

Gadebusch | Fast sieben Jahrzehnte der Ungewissheit plagen eine 85-jährige Frau aus Nordwestmecklenburg. Sie verlor wenige Wochen vor Ende des Zweiten Weltkrieges ihren Bruder. An dessen Grab Abschied nehmen konnte Irma Sann bislang nicht, denn seine letzte Ruhestätte war ihr nicht bekannt. Der Besuch eines Benefizkonzertes in Gadebusch ändert für sie jetzt nahezu alles.

Dritte Reihe, erster Platz. Von hier aus verfolgt Irma Sann das Benefizkonzert. Ein Bekannter hat ihr den Konzertbesuch im "Kreml", dem einstigen Sitz der SED-Kreisleitung, empfohlen. Heute ist das Gebäude im Privatbesitz, ist Disko-Bunker, Firmensitz und Jugendtreff. Gerade erklingen Polka und international preisgekrönte Filmmusiken wie "Exodus", oder "Somewehre Over The Rainbow". Der klingende Botschafter aus MV, das Wehrbereichsmusikkops I aus Neubrandenburg, gibt ein Benefizkonzert zugunsten des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge. Ein exzellentes Konzert, wie einer der Gäste meint.

Irma Sann ist eine von mehr als 100 Konzertbesuchern. Sie klatscht, sie nickt. Dann sucht sie Halt an der Seite eines Mannes und weint, als sie in der Konzertpause erfährt: "Wir haben ihn gefunden." Irma Sann wartete 68 Jahre auf diesen Augenblick. Sie beugt sich über einen Computerausdruck und kann kaum glauben, was da steht: Karl Hinrichs ruht auf der Kriegsgräberstätte in Heiligenbeil/Mamonovo. Der Ort ist etwa 50 Kilometer von Kaliningrad entfernt. Dort hat der Volksbund im Jahr 2000 begonnen, den deutschen Soldatenfriedhof herzurichten. Er wurde im Juni 2002 eingeweiht.

Die Datenbank, aus der die Infos stammen, enthält sechs Millionen Einträge. Drei Viertel der Datensätze stehen in Bezug zum Zweiten Weltkrieg, ein Drittel zum Ersten Weltkrieg. Jahr für Jahr kommen Einträge hinzu. Im Idealfall können Land, Kriegsgräberstätte und Grabnummer des Gesuchten in der Datenbank gefunden werden.

Auf einem Stein, hatte ein Kriegskamerad damals berichtet, soll Karl Hinrichs am 17. März 1945 gesessen haben. Dann sei er hinterrücks getroffen worden. Mehr über das Schicksal ihres Bruders erfuhr Irma Sann in all den Jahrzehnten nicht. "Ich bin die Einzige von uns, die jetzt noch da ist", meint Irma Sann.

Mit 85 Jahren und zwei neuen Hüftgelenken will sie die Strapazen einer 600 Kilometer weiten Reise gen Osten auf sich nehmen. "Ich werde meinem Bruder einen richtig großen Blumenstrauß an sein Grab legen. Dann werde ich beten. Wenn ich ein Foto finde, und ich muss noch welche haben, werde ich es an seinem Grab befestigen. Ich bin voller Freude, kann das nicht zum Ausdruck bringen", sagt die Grevesmühlenerin. "Ich sollte ihm immer die Zeitschrift Filmwelt kaufen. Er war so närrisch nach Schauspielern", erinnert sich Sann an ihren Bruder Karl Hinrichs. Er war Bäcker, wurde 1939 im Alter von 24 Jahren eingezogen. Seit 1945 galt er als tot oder vermisst. Er lernte seine Tochter nicht mehr kennen. Sie lebte später ebenso wie sein Sohn in Gadebusch.

Auch 68 Jahre nach Ende des Krieges liegen nach Angaben des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge noch immer zahlreiche Kriegsschicksale im Dunkeln. Kompliziert ist die Suche nach deutschen Soldatengräbern auch, da viele hunderttausend Grablagen nur schwer auffindbar sind. Andere wurden zerstört, überbaut oder geplündert. Dennoch konnte der Volksbund in den vergangenen Jahren mehr als 300 Friedhöfe des Zweiten Weltkrieges und 190 Anlagen aus dem Ersten Weltkrieg in Ost-, Mittel- und Südosteuropa wieder herrichten oder neue anlegen. Etwa 716 000 Kriegstote wurden umgebettet.

Wie sehr es Menschen bewegt, wenn sie Klarheit über das Schicksal von Familienmitgliedern erhalten, weiß auch Oberst a.D. Reinhard Wegener vom Volksbund-Kreisverband Nordwestmecklenburg. "Der Mensch ist so veranlagt, dass er immer einen Halt braucht. Und wenn ich nicht weiß, wo mein geliebter Vater oder Bruder bestattet ist, so lange treibt es die Hinterbliebenen um. Menschen brauchen also Gewissheit und einen Ort, an dem sie trauern können", so Reinhard Wegener. Irma Sann weiß jetzt, wo sie trauern kann.

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