zur Navigation springen

Gewalt in Gadebusch : Molotow-Cocktail vor der Haustür

vom
Aus der Redaktion der Gadebusch-Rehnaer Zeitung

Nach mehreren Anschlägen auf ihr Haus und ihr Auto lebt Familie Ciolan in Angst

svz.de von
erstellt am 17.Mai.2014 | 00:15 Uhr

Die Angst kam nachts, am 31. Dezember 2013 um 21.55 Uhr. Sie kündigte sich leise an,mit einem kratzenden Geräusch an der Hauswand, dem Mariana Ciolan auf den Grund gehen wollte. Die Angst manifestierte sich in einem lauten Knall, als die Mutter dreier Kinder die benzingefüllte Flasche, die jemand direkt vor ihre Tür gestellt hatte und in deren Hals ein brennender Stofffetzen steckte, auf die Straße schoss. Als das Glas zerbrach, zündete das Feuer im Benzin durch und hinterließ einen schwarzen Fleck auf dem Asphalt der kleinen Straße mitten in der Gadebuscher Innenstadt.

Seit dieser Nacht ist die Angst geblieben, hat sich festgesetzt in den Köpfen von Mariana und Florin Ciolan und ihrer drei Kinder. Dort ist die Angst gewachsen, von Vorfall zu Vorfall: Nach dem Molotow-Cocktail  wurden die Kabel ihrer Telefon-Dose an der Hauswand durchgeschnitten, immer wieder, immer nachts. Dann fing das Klopfen an, laute Schläge gegen das Kinderzimmerfenster im Erdgeschoss, immer wieder, immer nachts.  Mitte April wurden drei Reifen am Auto der Familie zerstochen. Eineinhalb Wochen später wurden alle vier Reifen zerstochen und die Scheiben des Wagens mit Farbe besprüht. Vorletzten Freitag schließlich schlug ein Mann mit einem schweren Kantholz die Scheiben an der Haustür ein und zertrümmerte das Seitenfenster des vor dem Haus geparkten Autos. Aufgeschreckt durch den Lärm öffnete Christian Schlauder, ein befreundeter Nachbar, ein Fenster seiner Wohnung, sprang hinaus und folgte dem flüchtenden Mann. Am Marktplatz konnte er sich auf ihn werfen und ihn, gemeinsam mit Florin Ciolan, festhalten bis die Polizei kam.

„Am 9. Mai konnte ein Tatverdächtiger nach Bürgerhinweisen auf frischer Tat gestellt werden“, sagt Isabel Wenzel, Pressesprecherin des Rostocker Polizeipräsidiums. Gegen die Angst von Mariana und Florin Ciolan und ihrer vier, acht und 18 Jahre alten Kinder hilft das ebenso wenig wie das Wissen, dass die Kriminalpolizei Schwerin, Fachkommissariat 4, Polizeilicher Staatsschutz, ermittelt. Die Angst, sie macht die Ciolans krank, ist in Kopf, Bauch und Herz gekrochen, verursacht Schmerzen, Herzrasen, Übelkeit. Nachts liegen sie wach. Die Tochter weigert sich, in ihrem Zimmer zu übernachten und ist wie die kleinen Brüder ins Schlafzimmer der Eltern eingezogen.

Dabei sind viele Fragen offen: War es immer der gleiche Täter? Liegt das Motiv für die Taten in der Familie, in ihrer rumänischen Herkunft? Oder gibt es einen ganz anderen Hintergrund?

Mariana und Florin Ciolan sagen, sie wissen nicht, was der Mann, den die Polizei am 9. Mai stellen konnte, gegen sie hat. „Wir kennen ihn ja nicht mal, haben noch nie ein Wort mit ihm gesprochen.“ Dass die Angriffe mit ihrer Herkunft zu tun haben, 2007 kam die Familie nach Deutschland, wollen sie nicht glauben. „Wir leben seit 2011 in Gadebusch, wir hatten nie Probleme, wir sind immer gut zurechtgekommen.“

Die Polizei sagt, sie ermittele in alle Richtungen. „Selbstverständlich wird hier geprüft, ob politische Motivationen bei den Taten eine Rolle spielen. Grundsätzlich werden jedoch umfangreiche Ermittlungen in alle Richtungen geführt, die zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht abgeschlossen sind“, so Sprecherin Isabel Wenzel.

Nachbar Christian Schlauder sagt, bereits vor dem Einzug der Familie sei immer wieder an dem Haus randaliert worden.

Gabriele Schulz von der Migrationsberatung der Diakonie in Gadebusch, die die Ciolans seit 2011 betreut, sagt, dass schnell eine Lösung gefunden werden muss, damit die Familie der belastenden Situation entkommt. „Doch alles, was man jetzt erreichen könnte, beispielsweise eine einstweilige Verfügung gegen den Mann, dauert zu lange.“ Denn Mariana und Florin Ciolan halten die Angst nicht mehr aus. Sie wollen, dass sich ihre Kinder sicher fühlen. „Wir müssen hier wegziehen“, sagen sie. Ciolans haben sich Hilfe gesucht – und Hilfe gefunden: Bei Andreas Lausen, Leitender Verwaltungsbeamter des Amtes, und bei Bürgermeister Ulrich Howest, bei Gabriele Schulz, der Wohnungsgesellschaft und dem Jobcenter. „Hier haben verschiedene Institutionen sachlich und professionell zusammengearbeitet und so schnell eine Lösung gefunden“, sagt Migrationsberaterin Schulz. Noch in diesem Monat soll die Familie umziehen können. Und so ist dies am Ende eine Geschichte, die dann doch nicht nur von Angst handelt. Sondern auch von Zivilcourage, von Nachbarschaftshilfe. Und von unbürokratischer Unterstützung. Familie Ciolan will bei all dem nur eins: Dass die Angst geht. Und wieder Platz macht für ihr ganz normales Leben.



zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen