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Abschied : „Mister Konjunktur“ kehrt der Verwaltung den Rücken

vom
Aus der Redaktion der Gadebusch-Rehnaer Zeitung

Der stellvertretende Landrat Gerhard Rappen (CDU) wird heute in Grevesmühlen verabschiedet

von
erstellt am 07.Okt.2015 | 00:46 Uhr

Über die Utechter „Blitzer“-Blockade ärgerte er sich, über Millionen des Bundes freute er sich und eine Wahlniederlage sah er auf sich zukommen. Heute wird Gerhard Rappen, jahrelang stellvertretender Landrat von Nordwestmecklenburg, in den Ruhestand verabschiedet. SVZ-Redakteur Michael Schmidt sprach mit dem CDU-Politiker.

Herr Rappen, wie sollte die Schlagzeile am Tag Ihres Abschieds lauten?
Gerhard Rappen (lacht): Wie wäre es mit „Rappen verlässt die Fabrik“? Schließlich hatte ich bis zuletzt ein Büro am Verwaltungsstandort Grevesmühlener Malzfabrik, die ja ein Industriedenkmal ist.
Wen oder was werden Sie am meisten vermissen?
Ich denke schon, dass ich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vermissen werde. Teilweise habe ich mit ihnen mehr als 20 Jahre lang zusammen gearbeitet. Eine solche lange Zeit verbindet.

Welche waren die schwierigsten Entscheidungen in Ihrer Amtszeit?
Schwierig waren die Entscheidungen, bei denen man die Anliegen der Bürger einerseits verstehen konnte, wir aber als Verwaltung keinen rechtlichen Spielraum hatten, um etwas zu bewilligen.
Anfang der 1990er-Jahre gab es aber auch eine ganz andere Sache, die die Menschen bewegt hat. So galt es zum Beispiel, Vermögensfragen für diejenigen zu klären, die zu DDR-Zeiten aus dem ehemaligen Sperrgebiet rausgeschmissen und ins Binnenland verfrachtet wurden. Das Problem war, dass es keine gesetzliche Grundlage gab und Anträge eigentlich nur diejenigen stellen konnten, die damals in den Westen gegangen waren. Die hier geblieben waren, wurden von dem Gesetz nicht erfasst. Und an sie durften und konnten wir jahrelang kein Vermögen zurückübertragen – obwohl wir volles Verständnis für die Ansprüche dieser Menschen hatten.

Auch die so genannte Blitzer-Blockade von Utecht 2013 fiel in Ihre Amtszeit. Können Sie heute zumindest etwas darüber schmunzeln, dass ein empörter Gemeindevertreter eine Radarfalle mit seinem Geländewagen blockierte?
Sicherlich kann ich darüber etwas schmunzeln. Aber die Sache hat doch einen tieferen Sinn: Gerade von den dortigen Gemeinden sind wir gebeten worden, Geschwindigkeitsüberwachungen durchzuführen. Und wenn dann ausgerechnet ein stellvertretender Bürgermeister von dort so handelt, dann ist das schon sehr eigen.
Wie oft sind Sie eigentlich in Nordwestmecklenburg geblitzt worden?
Toi, toi, toi! Kein einziges Mal. Man sagt mir zwar immer nach, dass ich die Messstellen kennen würde. Aber ich habe nicht in Unterlagen geschaut, um mir ein Bild davon zu machen, wo die Kollegen an welchen Tagen kontrollieren. Diese Mühe machte ich mir nicht.
Sie waren jahrelang stellvertretender Landrat, kandidierten 2014 für den Chefposten und mussten sich in einer Stichwahl Kerstin Weiss (SPD) geschlagen geben. Was ging in Ihnen am Abend der Niederlage vor?
Die Niederlage in dieser Stichwahl war für mich keine Überraschung. Dass ein Sieg in Runde zwei sehr schwer bis fast unmöglich würde, war für mich zu dem Zeitpunkt klar, als ich Plakate und Anzeigen sah, wonach sich fast alle gegen mich verbündeten – sprich die SPD mit den Linken, den Grünen und den Freien Wählern…
War es ein Fehler zu kandidieren?
Fehler möchte ich dies nicht nennen. Ich war angetreten, um den Wählern eine wirkliche Alternative zu bieten.
Was war für Sie die größte politische und menschliche Enttäuschung nach der Wende?
Politisch und teilweise auch menschlich enttäuschte mich, dass viele, die gerade aus der Bürgerbewegung kamen, mitunter ihre Ideale verraten haben und teilweise linksorientierte Koalitionen eingingen oder entsprechende Absprachen treffen. Das sieht man nicht nur auf kommunaler, sondern auch auf Länderebene. Ein Blick nach Thüringen genügt…
Worauf sind Sie rückblickend besonders stolz?
Ich möchte es nicht als Stolz bezeichnen, sondern ich bin außerordentlich dankbar dafür, dass ich mehr als 20 Jahre lang die positive Entwicklung dieser Region mit gestalten konnte. Denken Sie an die vielen Investitionen in die kreislichen Schulen und Einrichtungen sowie beispielsweise an das Konjunkturpaket. Innerhalb kurzer Zeit haben wir dank der sieben Millionen Euro vom Bund insgesamt 57 Maßnahmen in den Gemeinden auf den Weg gebracht. Dies ging ohne Streit oder Neiddiskussionen vonstatten, sondern im Konsens mit den Amtsverwaltungen. Viele Einrichtungen wie Kitas und Schulen haben von diesem Paket profitiert. Es wurde so manche Investition realisiert, zu der Gemeinden vielleicht nicht in der Lage gewesen wären. Die Kommunen mussten einen Eigenanteil von „nur“ 15 Prozent aufbringen.
Wo sehen Sie einen Nachholbedarf?
Zum Beispiel bei der Versorgung ländlicher Räume mit einem leistungsfähigen Internet. Ohne Frage haben wir auch einen Nachholbedarf bei der Sanierung von Gemeinde- und Kreisstraßen. Inzwischen sind einige Straßen, die Anfang der 1990er-Jahre ausgebaut wurden, schon wieder ein Sanierungsfall.

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