Grevesmühlen : Misshandlungsfall: Fragen bleiben

Im Fall einer Kindesmisshandlung schloss der Kreistag die Öffentlichkeit von der Sitzung aus.
Im Fall einer Kindesmisshandlung schloss der Kreistag die Öffentlichkeit von der Sitzung aus.

Kreistag schließt Öffentlichkeit aus, obwohl die Sondersitzung eigens zur Information der Öffentlichkeit einberufen wurde

svz.de von
21. Juni 2016, 21:00 Uhr

Ein anonymer Brief an die Medien brachte das Unfassbare Ende Mai dieses Jahres ans Licht: Ein dreijähriger Junge aus Grevesmühlen soll offenbar von seinem eigenen Vater misshandelt worden sein. In einer Sondersitzung des Nordwestmecklenburger Kreistags sollte nun die Öffentlichkeit über den Vorfall informiert, insbesondere aber auch die Rolle des Jugendamts sowie der beauftragten Sozialarbeiter beleuchtet werden. Doch daraus wurde nichts. Mit knapper Mehrheit beschloss der Kreistag den Ausschluss der Öffentlichkeit. Eine Stellungnahme von Kerstin Weiss zu Arbeitsabläufen im Jugendamt scheiterte am Widerspruch der Landrätin selbst. Begründung: Individualisierbare Daten, die Rückschlüsse auf einzelne Verwaltungsmitarbeiter zulassen würden.

Also nix Öffentlichkeit. Dafür viele Fragen mit Antworten, die allerdings nur für die Mitglieder des Kreistags bestimmt waren. Gut eineinhalb Stunden tagten die Volksvertreter hinter gläsernen, aber verschlossenen Türen. In knapp 20 Minuten skizzierte Karla Krüger als 2. Stellvertreterin der Landrätin aus Verwaltungssicht, was sich in der kleinen Familie zugetragen haben soll. Von Kontakten des Jugendamts seit Januar 2016 mit dem Vater, der das Aufenthaltsbestimmungsrecht für den Dreijährigen besaß. Von der Einweisung des Jungen durch einen vom zuständigen Sozialarbeiter hinzugezogenen Kinderarzt in ein Krankenhaus am 13. Mai. Von der Kenntnisnahme der Verwaltungsspitze über die mutmaßlichen Misshandlungen des Jungen erst am Abend des 23. Mai .

Was aber geschah in der Zwischenzeit? Und vor allem: Warum reagierte die Verwaltungsspitze erst zehn Tage später? Wurde der zuständige Fachdienst nicht rechtzeitig informiert? Und wenn es so war, warum nicht? Gab es Kommunikationsprobleme innerhalb der Verwaltung? Aber auch: Wie wurde dem hilfesuchenden Vater in den Monaten davor kompetente Hilfe zuteil? Wie oft wurde das Kind vom Jugendamt in Augenschein genommen? Waren Jugendamt und/oder Sozialarbeiter wegen personeller Engpässe schlicht überfordert?

Derzeit sind beim Landkreis ganze vier Sozialarbeiterstellen vakant. Bewerbungen gab es fünf: Bei zwei Bewerbern hofft die Verwaltungsspitze, dass diese den angebotenen Arbeitsvertrag auch unterschreiben.

Zu wenig, meint Kerstin Weiss, die deshalb zu den vier offenen Stellen noch zwei weitere Sozialarbeiter fordert und sich nun aufmachen will, zu den vorhandenen Kollegen in diesem Bereich einen Draht aufzubauen. „Ich brauche ein Vertrauensverhältnis zu den Sozialarbeitern und versuche gerade, Einblicke in das Kommunikationsverhalten im Jugendamt zu bekommen“, erklärt die Landrätin. Denn natürlich gebe es auch in einer Verwaltungsspitze Defizite und als Landrätin sei sie auch für alle Mitarbeiter verantwortlich. „Aber ich kann auch nicht jeden direkt steuern“, so Kerstin Weiss. Jetzt gebe es einen Bereich, in den die Verwaltungschefin näher hineinschauen möchte. Dennoch glaube sie nicht, dass die Sozialarbeiter sich ihr sofort in der ersten Dienstberatung offenbaren werden. „Ich werde in mehrere Beratungen gehen, um mehr zu erfahren, wenn es denn mehr zu erfahren gibt.“ Gegebenenfalls würde sie auch über die Einschaltung eines Mediators nachdenken.

Am Ende einer mehr als dreistündigen Sitzung wurde Landrätin Kerstin Weiss im Bedarfsfall zugestanden, bis zu zwei weitere Sozialarbeiterstellen auszuschreiben. Alles andere bleibt im Dunkeln.

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