Hilfsangebot in Gadebusch : Mehr Schulden und mehr Schuldner

Sylvia Entelmann von der Schuldnerberatung der Diakonie hilft Menschen in finanziellen Schwierigkeiten. Oft kommen die Schuldner aber zu spät.
Sylvia Entelmann von der Schuldnerberatung der Diakonie hilft Menschen in finanziellen Schwierigkeiten. Oft kommen die Schuldner aber zu spät.

Beratungsstelle betreute 395 Klienten im vergangenen Jahr / Konsumentenkredite bringen viele in Schwierigkeiten

svz.de von
08. März 2016, 21:00 Uhr

Die Schulden steigen und die Zahl der Schuldner auch. Mit 3,5 Millionen Euro stehen Nordwestmecklenburgs Schuldner bei ihren Gläubigern in der Kreide. Ein Jahr zuvor waren es „nur“ 1,7 Millionen Euro. Und auch die Zahl derjenigen, die auf das Geld warten, ist in die Höhe geschnellt: auf 1903. Vor zwei Jahren hatte die Schuldnerberatung noch mit 1214 Gläubigern zu tun.

„Die Zahl der Privatinsolvenzen hat wahnsinnig zugenommen“, sagt Sylvia Entelmann von der Schuldnerberatung in Gadebusch. Immer mehr Menschen schlittern in die finanzielle Katastrophe. Außenstände bei Banken, Vermietern, Energieversorgern, Ämtern oder Inkassounternehmen steigen, bis irgendwann nichts mehr geht.

Hauptproblem sind vor allem sogenannte Konsumentenkredite. Sie werden von Banken mit schönen Worten beworben und versprechen schnelles Geld. Finanziert werden damit oft Autos, Möbel, vielleicht auch noch der Urlaub. Doch im Kleingedruckten versteckt sich das Problem: „Sie sind aber sehr, sehr teuer“, sagt Sylvia Entelmann. Zinsen von zehn Prozent und mehr sind keine Seltenheit. So wird aus einem kleinen Kredit manchmal ein großes Problem.

Ein zweiter Grund für die Überschuldung vieler Menschen sind Immobilienkredite. Die Finanzierung des Häuschens stellt viele Familien vor Probleme. Wird einer arbeitslos oder die Eheleute trennen sich, wird’s eng.

„Das Amtsgericht schiebt einen Berg von Zwangsvollstreckungen vor sich her“, sagt Sylvia Entelmann. Denn bis sich Schuldner in die Beratungsstellen trauen, vergeht oft zu viel Zeit. „Sie quälen sich lange bis sie zu uns kommen.“ Manchmal fehlt die Einsicht für die Situation, andere unterschätzen ihren Schuldenberg, die nächsten schämen sich.

Die Beratung ist kostenlos, damit Entelmann und ihre Kollegen aber nicht erst tätig werden müssen, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist, rät sie zu einem kritischen Blick auf die Ausgaben. Wenn sie die monatlichen Einnahmen übersteigen, droht eine Überschuldung. „Auch wer immer tiefer in den Dispo auf seinem Konto rutscht, ist klar überschuldet“, sagt sie. Spätestens dann sollte Hilfe gesucht werden.

Doch die Wartezeiten werden immer länger. Gut zwei Monate vergehen, bis Sylvia Entelmann einen Termin frei hat. Zuerst einmal wird dann ein Haushaltsplan ausgefüllt. Wieviel Geld wird gebraucht für Miete, Heizung, Strom, Telefon, Versicherungen, Lebensmittel, Fahrtkosten. Alles wird detailliert erfasst. „Viele staunen, wie hoch ihre monatlichen Ausgaben sind.“ Bei Pendlern sind oft die Fahrtkosten ein großer Posten. Wenn der Stundenlohn dann aber gerade beim Mindestlohn von 8,50 Euro liegt, reicht der Verdient manchmal nicht für die Kosten des Alltags.

Wer in einer Krise steckt, bei dem geht es allerdings schneller mit dem Termin. Wenn die Abschaltung von Strom oder Heizung droht, die fristlose Kündigung der Wohnung in den Briefkasten geflattert ist oder die Zwangsversteigerung des Hauses unmittelbar bevorsteht, muss Sylvia Entelmann innerhalb von drei Werktagen aktiv werden.

Bei der Schuldnerberaterin geht es aber nicht nur ums Geld. „Oft stehen hinter den Fällen dramatische Schicksale“, sagt sie. Krankheit, Sucht, Scheidungen. „Wir haben Klienten, die können keine Briefe mehr öffnen, weil es sie psychisch überfordert.“ Dann organisiert Sylvia Entelmann auch die Vermittlung an andere Beratungsstellen. „Die Menschen sollen ja nicht nur wieder eine finanzielle Perspektive bekommen.“

Ab Mai soll es einen regelmäßigen Infotag geben. Um die Warteliste zu reduzieren, wird da über das Thema Privatinsolvenzen aufgeklärt. Ziel der Aktion: Die Schuldner sollen wieder selber aktiv werden.

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