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Landkreis kauft Leistungen extern ein : Mangel auf dem Notarztwagen

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Vor gut vier Jahren hat der Landkreis Nordwestmecklenburg seinen Rettungsdienst ausgelagert. Rettung hin, Rettung her, am Ende des Jahres muss der Eigenbetrieb wirtschaftlich arbeiten.

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erstellt am 09.Aug.2013 | 06:19 Uhr

Gadebusch | Gerannt wird schon mal nicht. Warum auch? Wer beim Patienten schnaufend und mit zittrigen Händen ankommt, macht nicht gerade den Eindruck: Alles ok, ich kann ihnen helfen. Also laufen Arzt und Rettungsassistent nicht, sondern gehen schnellen Schrittes. Zehn Minuten räumt ihnen die Hilfsfrist ein. Dann sollten sie angekommen sein.

Hans-Peter Knapp ist seit 25 Jahren als Notarzt unterwegs. An diesem Tag sitzt er in der Rettungswache in Gadebusch und wartet. Darauf, dass sein Pieper losgeht, jemand seine Hilfe braucht. Dann springen er und Rettungsassistent Mario Möller ins Auto und los geht’s.

Wenn er nicht gerade als Notarzt durch den Nordwestkreis eilt, behandelt der 62-Jährige in seiner Praxis in Gadebusch Patienten. Ein wenig verrückt sei es schon, sagt Knapp. Denn Notarzt zu sein bedeutet, ständig bereit zu sein, in Ausnahmesituationen zu arbeiten. Zu drei bis vier Einsätzen rückt Knapp mit dem Rettungsassistenten am Steuer des Notarztwagens im Schnitt pro Schicht aus. Wenig davon ist so dramatisch wie im Fernsehen - so wie an diesem Tag. Gegen Mittag klingelt es an der Tür. Ein Gartenbauer hat seinen Kollegen vorbeigebracht, der sich mit dem Hammer auf den Finger geschlagen hat. Der junge Mann ist ein wenig blass um die Nase, der Finger blutet. Schön ist das nicht für ihn, aber auch nicht gefährlich. Knapp wirft einen Blick darauf, dann geht es mit dem Rettungswagen ab ins Krankenhaus. Kein Job für ihn.

Dann klappt er seinen Laptop auf und zeigt Fotos von Unfällen, bei denen es um Leben und Tod ging. Ein Auto ist gegen den Baum gerast. Form und Größe lassen sich nur noch erahnen. Am der Fahrerseite ist ein Kopf zu sehen. Der Mann ist tot, er wollte sich das Leben nehmen. Knapp klickt weiter. Schnee bedeckt zwei Autos, sie sind auf spiegelglatter Fahrbahn zusammengekracht. Ein kleiner Junge wird schwer verletzt. Knapp kämpft in jener bitterkalten Nacht um seine Gesundheit. Der Kleine überlebt schwer verletzt, seine Mutter wird ein schwerer Pflegefall. Die Fotos dienen der Unfallrekonstruktion für die Kollegen im Krankenhaus. Sie haben aber auch Eindruck hinterlassen beim Notarzt.

Vor gut vier Jahren hat der Landkreis Nordwestmecklenburg seinen Rettungsdienst ausgelagert. Outsourcen heißt das im modernen Managerdeutsch. Der Kreis stellt Fahrzeuge, Medikamente und Geräte. Im Gegenzug kauft er sich die Dienste von Ärzten, Rettungsassistenten und Sanitätern ein. Wer dabei das Rennen macht, sagt Hans-Dieter Frey, Leiter des Eigenbetriebes, entscheide das Geld. Rettung hin, Rettung her, am Ende des Jahres muss der Eigenbetrieb wirtschaftlich arbeiten.

Elf Millionen Euro hat Frey jedes Jahr zur Verfügung. Davon müssen die Lohnkosten seiner Mitarbeiter in der Verwaltung bezahlt werden, die Rettungswache müssen gemietet und die Krankenhäuser oder Organisationen bezahlt werden, die den Zuschlag bekommen haben. Das Budget handelt er mit den Krankenkassen aus. Für jeden Einsatz zu dem Rettungswagen oder Notarzt ausrücken, zahlen sie. Und billig ist das nicht. 746 Euro kostet der Notarztwagen pro Einsatz. Der Rettungswagen ist mit 424 Euro dabei.

Hans-Peter Knapp hat beim DRK Notärztliche Dienste Teterow angeheuert. Andere Mediziner werden beispielsweise über die Notarztbörse vermittelt. Um die 700 Euro werden für eine 24-Stunden-Schicht gezahlt. Auf die Stunden gerechnet verdienen Handwerker mehr.

Gut 4000 Mitglieder hat allein die Notarztbörse in ihrer Kartei. Das Unternehmen von André Kröncke hat sich in den vergangenen 13 Jahren zum größten seiner Zunft in Deutschland entwickelt. Kröncke, selbst Notarzt, füllt mit seiner Idee eine Lücke, die sich in den vergangenen Jahren zu einem immer größeren Problem entwickelt hat: Ärztemangel. Es fehlen nicht nur Landärzte oder Augenärzte. Auch Notfallmediziner werden weniger und das bei gleichzeitig steigenden Einsatzzahlen.

Denn Mediziner Knapp wird nicht nur in Notfällen gerufen: Er rückt auch schon mal aus, wenn ein Baby Fieber hat und der Mutter die Wartezeit beim Kinderarzt zu lange dauert oder beim Kartoffelschneiden das Messer abgerutscht ist. "Das sind missbräuchliche Alarmierungen", sagt er. Der Anspruch hat sich heute geändert: Der Arzt soll sofort verfügbar sein und dann auch noch schnell auf der Matte stehen. "Die Leute haben keine Lust zum Hausarzt zu gehen oder auf den Kassenärztlichen Notdienst zu warten." Es geht doch auch schneller.

So lange er kann, sagt Knapp wolle er noch weitermachen. "Wir haben ja auch nicht so viele Notärzte", sagt der 62-Jährige.

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