Geschleift : Linden für das verschwundene Dorf

Ehemalige Einwohner pflanzten vor dem ehemaligen Haus der Clasens Linden als Zeichen der Erinnerung. Im Bild: Erhard Steding, Hans Clasen, Herbert Clasen (verdeckt) und Joachim Hörcher (r.).
1 von 3
Ehemalige Einwohner pflanzten vor dem ehemaligen Haus der Clasens Linden als Zeichen der Erinnerung. Im Bild: Erhard Steding, Hans Clasen, Herbert Clasen (verdeckt) und Joachim Hörcher (r.).

Ehemalige Einwohner des geschleiften Ortes Lankow setzen in der Gemeinde Dechow ein Zeichen gegen das Vergessen

23-11367726_23-66109650_1416395505.JPG von
02. November 2015, 23:07 Uhr

Lankow, Kreis Gadebusch, Bezirk Schwerin. Es scheint fast so, als gäbe es das Dorf Lankow noch. Zumindest weist ein Ortseingangsschild am Wegesrand auf das Dorf hin. Viel mehr ist von Lankow aber kaum zu sehen: keine Schule, kein Dorfplatz, keine Gaststätte, keine Büdnerei. Alles verschwunden.

Geblieben sind Erinnerungen an ein geschleiftes Dorf, in dem einst Hans Clasen aufgewachsen ist. Heute steht der 77-Jährige genau dort, wo sich das Haus seiner Familie befand. Zusammen mit ehemaligen Lankowern pflanzt Clasen sechs Linden und will ein Zeichen der Erinnerung setzen.

„Wie Schwerverbrecher hat man uns behandelt. Grenzer, Kampfgruppen, Polizisten waren hier. Innerhalb von zwei Stunden mussten wir raus. Es war eine totale Ungerechtigkeit“, sagt Hans Clasen. Er, seine Mutter und seine Geschwister wurden damals nach Tarnow zwangsausgesiedelt. Zuvor war ein Familienmitglied in den Westen geflüchtet.

Dass unliebsame Einwohner von grenznahen Siedlungen zwangsausgesiedelt werden konnten, lag u. a. am Befehl 38/52 des Ministeriums des Inneren der DDR. Mit diesem Befehl sollte die Sicherheit im Gebiet an der Demarkationslinie erhöht werden. Was folgte, waren Aktionen mit den Decknamen „Ungeziefer“ (1952) und „Kornblume“ (1961).

Auch Joachim Hörcher lebte einst in Lankow. Und auch seine Familie musste den Ort verlassen – schon in den 1930er-Jahren. „Mein Vater war 1936 aus der NSDAP ausgetreten. Die Folge war, dass ihm die Bauernfähigkeit aberkannt wurde – und dann mussten wir raus aus Mecklenburg“, erinnert sich Hörcher. Bis heute lebt der 87-Jährige in Schleswig-Holstein. Der Schmerz über den Verlust der Heimat sitzt nach wie vor tief in ihm. „Die Erinnerung ist immer da. Die gesamte Feldmark war unser Kindergarten“, schwärmt Joachim Hörcher noch heute.

Für Dechow sei es wichtig, dass Lankow immer ein Ortsteil der Gemeinde bleibt, betont die stellvertretende Bürgermeisterin Irmgard von Puttkamer. „Lankow war Heimat für viele Menschen, die unzählige Erinnerungen an dieses Dorf haben“, sagt von Puttkamer. An die Zwangsausgesiedelten richtet sie diese Worte: „Sie sollen wissen, dass Sie für uns immer Lankower bleiben.“

Auch der Leiter des Grenzhuses Schlagsdorf, Dr. Andreas Wagner, greift an diesem Tag in Lankow zu Spaten und Gießkanne. „Aktionen wie das Pflanzen dieser Bäume sind wichtig, damit die Vergangenheit nicht in Vergessenheit gerät und damit nachfolgende Generationen Erinnnerungszeichen finden können“, so Wagner. So wie Lankow erging es dutzenden weiteren Orten an der ehemaligen innerdeutschen Grenze.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen