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Theater mit Händen und füssen : Liebesdramen in der Bibliothek

vom
Aus der Redaktion der Gadebusch-Rehnaer Zeitung

Anne Klinge hat eine einzigartige Darstellungsform perfektioniert

svz.de von
erstellt am 22.Sep.2014 | 23:44 Uhr

Ein Theatererlebnis der ganz anderen Art gab es in Gadebusch zu sehen. Hauptdarsteller: zwei Füße und zwei Hände. Sie gehören der in Erlangen lebenden Kleinkunst-Darstellerin Anne Klinge, die 1997 eine einzigartige Darstellungsform geschaffen und seither perfektioniert hat. Mit ihrem Bühnenprogramm „Fußmord und andere Liebesdramen“ begeisterte sie das Publikum in der Stadtbibliothek.

Mit Händen und Füßen sprechen, jemandem die Füße küssen: Redensarten wie diese bekommen bei Anne Klinge eine neue Bedeutung. Nur die vier Endpunkte ihres Körpers spielen in der pantomimischen Darstellung eine Rolle. Der Rest liegt während der gesamten Vorstellung auf dem Rücken inmitten der in Reichweite liegenden benötigten Requisiten: Perücken, Pappnasen, Tücher und andere Kleinigkeiten, mit denen sie ihre Füße in schräge Charaktere verwandelt.

Eine skurrile Nase etwa in Fußsohlenmitte, Wuschelperücken oder Mützen über den Zehen, hier und da ein Schnurrbart und ein Großvaterhemd, in dessen Ärmeln ihre Beine bis über die Knöchel verschwinden: Fertig sind die Figuren, augenlos, meist mundlos. Und doch hat man wenige Sekunden später vergessen, dass es Füße sind, die sich mal in eine alternde Diva und ihren Liebhaber, mal in einen wirklich zaubernden Zauberer, in Fischer und Nixe oder einen trinkenden, alleinerziehenden Vater verwandeln. Mal allein, mal zu zweit spielend, mordend, liebend und einen flotten Striptease vollführend.

„Wir hätten jede Karte mindestens zweimal verkaufen können“, sagt Bibliotheksleiterin Martina Torner. Sie hatte Anne Klinges Pantomimen-Theater im Fernsehen gesehen und war sofort begeistert. „Ich habe mich gleich nach der Sendung mit ihr in Verbindung gesetzt.“

Anne Klinge beherrscht ihren Körper perfekt. „Ich habe früher Kunstturnen und rhythmische Sportgymnastik gemacht, außerdem eine Pantomimen-Ausbildung, das war sehr hilfreich.“ Natürlich hat sie, seit sie 1998 mit einem ersten Bühnenprogramm auftrat, die Bewegungsabläufe ihrer Hauptdarsteller perfektioniert. „Heute kenne ich jeden kleinen Muskel meiner Hände und Füße, pflege sie sehr intensiv, denn die Haut muss geschmeidig bleiben, sonst funktioniert es nicht.“ Früher lief sie den ganzen Sommer über barfuß, aber das geht nicht mehr.

Die kleine Frau mit den langen roten Haaren spricht nicht viel, ist eher zurückhaltend. Das wundert einen, denn schließlich hat sie als Regisseurin am Theater ständig mit Schauspielern zu tun. Aber vielleicht ist diese Ruhe eher der Psychologin in ihr zuzuschreiben, da muss man zuhören können. Denn neben Theaterwissenschaften hat sie in Erlangen auch Psychologie studiert, nachdem sie im thüringischen Pößnitz ein Einser-Abitur abgeliefert hatte.

Ihre Stücke schreibt sie selbst. Oder schreibt um. Die Zauberflöte von Mozart beispielsweise, eine 45-Minuten-Inszenierung. „Das ist schon anstrengend, weil ich ja die ganze Zeit mit den Beinen und Armen in der Luft arbeite.“ Ihr durchtrainierter Körper spricht Bände, die fließenden Bewegungen verhelfen den „Fußfiguren“ zu einer ungeheuren Lebendigkeit. Weltweit ist sie inzwischen unterwegs, sogar in China hat sie die Menschen zum Staunen gebracht.

Am Nachmittag hatte Martina Torner 40 Kinder zu Anne Klinges Version des gestiefelten Katers eingeladen: „Nicht ein Mucks war zu hören während der ganzen 45 Minuten. Das habe ich noch nie erlebt.“



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