Zwangsaussiedlung : Licht im dunklen Kapitel

Schlagsdorfs Pastorin Christina Stemmann gedachte, gemeinsam mit zahlreichen Gästen, am Gedenkstein des geschleiften Dorfes Lankow bei Dechow den Opfern der Zwangsaussiedlungen. Der Posaunenchor aus Rehna begleitete die Gedenkveranstaltung musikalisch.
Schlagsdorfs Pastorin Christina Stemmann gedachte, gemeinsam mit zahlreichen Gästen, am Gedenkstein des geschleiften Dorfes Lankow bei Dechow den Opfern der Zwangsaussiedlungen. Der Posaunenchor aus Rehna begleitete die Gedenkveranstaltung musikalisch.

Aktion „Ungeziefer“ bewegt die Menschen heute noch

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08. Juni 2015, 23:43 Uhr

Es ist ein dunkles Kapitel deutscher Geschichte – die Zwangsaussiedlungen tausender Menschen in der DDR im Jahr 1952 und 1961. Der Tarnname der Zwangsumsiedlungsaktion im Jahr 1952 war: „Aktion Ungeziefer“. „Schon der Name spricht Bände, wie menschenverachtend die Aktion war“, sagte Monika Aschenbach beim Erinnerungstag „Zwangsaussiedlungen und geschleifte Dörfer im DDR-Grenzsperrgebiet zwischen Ostsee und Elbe“ im Dorfgemeinschaftshaus „Am Bülten“ in Schlagsdorf. Aschenbach ist Leiterin der Suhler Außenstelle des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes.

Davon betroffen war 1952 auch Hannelore Quandt aus Zarnewenz. Sie war damals elf Jahre alt, als am 10. Juni im Morgengrauen Lkw mit gedrosseltem Motoren in Zarnewenz auftauchten. Von den Pritschen sprangen bewaffnete Volkspolizisten herunter, drangen ins Haus der Familie Quandt und gaben knappe Anweisungen. Der angebliche Vorwurf: Sie hatten das landwirtschaftliche Soll der DDR nicht erfüllt. Hannelore Quandt, ihr Bruder, ihre Mutter und ihre Großeltern mussten innerhalb weniger Stunden ein paar Habseligkeiten zusammensuchen, wurden dann auf Lkw verladen und zum Bahnhof nach Schönberg gebracht.

Zum Abschied nehmen von Freunden und Nachbarn blieb keine Zeit, berichtet Sigrid Schneider, geborene Bruhns. Ihre Familie lebte seit dem Dreißigjährigen Krieg (1618 bis 1648) im mecklenburgischen Dassow. 1952 mussten sie ihren Familienbesitz zurücklassen, wurden als „Kapitalistenschweine“ bezeichnet. Sigrid Schneider war damals acht Jahre alt. Heute spricht sie von traumatischen Erinnerungen. „Das war schrecklich.“ Die Ausweise hatten Volkspolizisten ihr und ihren Eltern auf dem Schönberger Bahnhof abgenommen, bevor die Türen des Zuges abgeschlossen wurden. „Meine Familie dachte, es geht nach Sibirien. Wir hatten eine riesengroße Angst.“ Nach stundenlanger Fahrt hielt der Zug dann in Grimmen.

Eine gesetzliche Grundlage für die „Aktion Ungeziefer“ existierte laut Monika Aschenbach von der BSTU nicht. Sie basierte lediglich auf Befehlen und Weisungen des Ministers für Staatssicherheit Wilhelm Zaisser und stand in krassem Gegensatz zur DDR-Verfassung.

Anfänglich richtete sich die Zwangsumsiedlung nur gegen „feindliche, verdächtige und kriminelle Elemente“, die schnellstmöglich aus dem Grenzbereich entfernt werden sollten. Das konnten Bauern sein, die sich der Kollektivierung widersetzten oder ihr Soll nicht erfüllten. Auch Personen „mit häufig wechselndem Geschlechtsverkehr“ oder einfach politisch Missliebige waren betroffen. Nicht selten genügten aber auch Denunzierungen, um auf die Liste der „feindlichen Elemente“ gesetzt zu werden.

Die entvölkerten Dörfer wurden im Zuge des weiteren Ausbaus der Grenzsicherungsanlagen oft dem Erdboden gleich gemacht – wie auch die Dörfer Lankow, Bardowiek, Neuhof im heutigen Nordwestmecklenburg.

Über das Thema zu sprechen, war tabu, sagt Hannelore Quandt. „Wir hatten einfach Angst“, sagt sie. Die Staatssicherheit hatte sämtlichen Betroffenen dringlich nahe gelegt, Stillschweigen über das Geschehene zu wahren.

Besonders diskrimienierend war der Ruf vieler Zwangsausgesiedelten. Von Nachbarn wurden sie oft als Kriminelle abgestempelt. Und das, obwohl sie eigentlich nichts verbrochen hatten. Aufklärung gab es nicht.

Landrätin Kerstin Weiss sprach angesichts dieses dunklen Kapitels deutscher Geschichte von einem „Vergehen gegen die Menschlichkeit“ und machte deutlich: „Diese menschenverachtenden Aktionen geschahen in einer Republik, die sich als demokratisch bezeichnete.“

Viele Familien, darunter auch die Quandts und Bruhns, sahen nur eine Möglichkeit, ihrem Schicksal zu entkommen. Sie flüchteten.

Die gegen ihren Willen ausgesiedelten Menschen durften ihre Heimat für Jahrzehnte nicht mehr betreten. Um den Anschein an Normalität zu suggerieren, ließ die SED-Regierung in Lankow bei Dechow von 1969 bis 1972 die Häuser renovieren, die vom Westen aus sichtbar waren. Im Laufe der Jahre verließen aber immer mehr Einwohner aus „fadenscheinigen Begründungen“ das Dorf. Als Lankow immer mehr vereinsamte, rückten Bagger, Planierraupen und Sprengmeister an. Sie machten das Dorf dem Erdboden gleich, um den DDR-Soldaten ein „freies Sicht- und Schussfeld“ zu bieten. Im Herbst 1976 verschwand Lankow buchstäblich von der Landkarte. Seit 2009 erinnert ein Stein an das geschleifte Dorf. Entschädigungen bekamen die Vertriebenen nicht. Hans Steding, der mit zwei Jahren Lankow verlassen musste, versuchte zehn Jahre lang, das Familiengrundstück zurück zu bekommen. Ohne Erfolg. Zunächst sollte es für Zwangsausgesiedelte Entschädigungen geben, sagt Monika Aschenbach. „Später wurden viele Familien einfach enteignet.“  

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