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Gadebusch-Rehnaer Zeitung

16. Dezember 2017 | 14:06 Uhr

Bahnhof Bad Kleinen : Letzte Fotos vor dem Abriss

vom
Aus der Redaktion der Gadebusch-Rehnaer Zeitung

Fotokurs der Medienwerkstatt im Filmbüro MV erstellt letzte Bilddokumente von alten Gebäuden

svz.de von
erstellt am 16.Jan.2017 | 22:00 Uhr

Nun ist es soweit: Der Abriss der historischen Bahnhofsgebäude hat begonnen. Gestern starteten die Arbeiter mit dem Entfernen der Fenster. In den kommenden Tagen wird dann schweres Gerät eingesetzt. Stück für Stück werden der Lokschuppen mit Wasserturm von 1880, die zwei Verwaltungsgebäude und das große Empfangsgebäude von 1848 zurückgebaut, so der nüchterne Fachbegriff. „Bis Mitte März soll das abgeschlossen sein“, sagt Matthias Holz, Bauüberwacher der DB Engineering & Consulting GmbH, die den zehn Millionen Euro teuren Umbau vom Bahnhof zur Bahnstation durchführt.

Quasi auf den letzten Drücker haben die Mitglieder des Erwachsenen Fotokurses der Medienwerkstatt im Filmbüro MV die historischen Gebäude des Bahnhofs Bad Kleinen noch in Bildern festgehalten. Dafür reisten sieben der zehn Mitglieder um Leiterin Nicole Hollatz mit dem Auto aus der Hanse- und Kreisstadt Wismar an. Der Bahnhof war an dem Tag wegen Arbeiten an den Oberleitungen komplett stillgelegt. „Wir wollen einen Blick in die Geschichte werfen und solche Gebäude zeigen, so lange es noch geht“, sagt Fotokurs-Leiterin Hollatz, die auch als Freie Journalistin für verschiedene Tageszeitungen arbeitet und Vorsitzende des Archivvereins Wismar ist. Dort läuft auch gerade eine Ausstellung mit dem Titel „Verlorene Gebäude“, in der historische Architektur in Wismar gezeigt wird. Diese ist noch bis zum 25. Januar zu sehen.

So soll die neue Bahnstation von Bad Kleinen nach ihrem Umbau künftig aussehen.  Grafik: Deutsche Bahn AG
So soll die neue Bahnstation von Bad Kleinen nach ihrem Umbau künftig aussehen. Grafik: Deutsche Bahn AG
 

Bauüberwacher Matthias Holz empfängt die Fotografen auf dem Bahnhofsvorplatz. „Sie können prinzipiell in alle Gebäude gehen. Allerdings bitte ich Sie um äußerste Aufmerksamkeit. Da die Entkernungsarbeiten bereits weit voran geschritten sind, liegen überall Rohre, Deckenplatten und Inventar“, so der Bahnmitarbeiter zu Beginn der Tour. Die Gruppe beginnt mit dem Lokschuppen mit seinem integrierten Wasserturm. Hier gesellt sich ein weiterer Fotograf hinzu. Volker Schäfer aus der Nähe von Lübeck hat im Internet erfahren, dass die Bahnhofsgebäude abgerissen werden, ist auf Gutglück mit der Kamera losgefahren. „Eine Schande ist das, was hier passiert“, so der Eisenbahn-Fan. Der selbstständige Zimmerermeister meint, dass diese Kombination aus Lokschuppen und Wasserturm einmalig sei. „Vor ein paar Tagen haben sie die Drehscheibe vor dem Lokschuppen zerschnitten. Die hätte sicher irgendeine Museumsbahn in Deutschland gerne genommen“, meint Schäfer. Da diese ohne Grube gewesen sei, hätte sie überall wieder aufgebaut werden können.

Besonders viel fotografiert und damit dokumentiert haben die Mitglieder des Fotokurses im und um das Empfangsgebäude. Es ist aktuell das älteste Bauwerk Bad Kleinens. „Wir werden uns auf jeden Fall bemühen, hier in Bad Kleinen eine Ausstellung unserer Fotoarbeiten zu machen“, verspricht Nicole Hollatz. Auf jeden Fall aber würden sie im Wismarer Archiv für die Nachwelt aufbewahrt werden.

Kommentar des Autors

Was ist uns unsere Geschichte eigentlich wert? Im Fall der historischen Bahnhofsgebäude von Bad Kleinen augenscheinlich nichts. Dabei zeugt dieser Bahnhof wie kein anderer in Westmecklenburg davon, welchen Einfluss die Eisenbahn im Zeitalter der Industrialisierung auf das menschliche Leben hatte. Durch ihren Bau ist der heute 3500 Einwohner zählende Ort erst entstanden. Zuvor gab es hier  einzelne Gehöfte.

Ohne Not werden nun diese historischen Bauten geschleift. Damit verliert das Dorf zweifelsohne seine Seele. Alternativen hätte es  gegeben – sie sind nicht einmal diskutiert worden. Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Und hier war eben kein Wille vorhanden. Bei der Bahn nicht, bei der Denkmalschutzbehörde nicht, die die Gebäude wieder aus ihrer Obhut entlassen hat, und leider auch nicht bei Bürgermeister und Gemeindevertretern.   Da wurde tatenlos zugesehen, wurde weder Veto noch anderweitig Protest gegen den Abriss eingelegt oder befördert. Deshalb wird nun aus dem Bahnhof eine Bahnstation: Ohne Toilette, ohne Kiosk, ohne Warteraum. In puncto Tradition und Geschichtsbewusstsein haben sich alle Beteiligten leider  aus ihrer Verantwortung  geschlichen.

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