kulturtage dechow : Leidenschaftliches berührt Seelen

Starker Auftritt von Giora Feidman (Klarinette), Reentko Dirks (Gitarre) und Guido Jäger (Kontrabass). Fotos: Bernd Möschl
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Starker Auftritt von Giora Feidman (Klarinette), Reentko Dirks (Gitarre) und Guido Jäger (Kontrabass). Fotos: Bernd Möschl

Giora Feidman Trio begeisterte die Zuhörer mit Klezmer vom Allerfeinsten bereits zum zweiten Mal bei den Dechower Kulturtagen

svz.de von
16. November 2015, 23:56 Uhr

„Spiel Klezmer! Spiel!“ Dieser beinahe flehenden Aufforderung – zugleich Titelzeile ihres aktuellen Bühnenprogramms – kamen Giora Feidman, Guido Jäger und Reentko Dirks jetzt in Dechow mit allergrößtem Vergnügen nach. Zumal das aus weitem Umkreis angereiste Publikum der Dorfbühne sich offenbar noch bestens an das erste Gastspiel des legendären Giora Feidman Trios im Mai 2012 erinnerte und dieses Wiedersehen freudig erwartete.

Musste Gastgeberin Irmgard v. Puttkamer seinerzeit noch eindringlich um Ruhe vor dem Einzug der Künstler bitten, so hatte diesmal der Klarinetten-Guru nicht das geringste Problem, seinem Instrument bereits mit „gehauchten“ Tönen die gewünschte Aufmerksamkeit zu verschaffen. Angesichts der fürwahr atemlosen Stille im vollbesetzten Saal genoss es Giora Feidman sogar sichtlich, sein feinsinnig singendes Entré im Halbdunkel beinahe auf Tuchfühlung mit seinem Publikum bis zu einer halben Saalumrundung auszukosten.

Mit leuchtenden Augen und Kusshänden erwiderte der Ausnahmekünstler schließlich die Ehrerbietung, um gleich darauf behände die Bühne zu erklimmen und gewohnt spitzbübisch die Foyerfrage „Warum diese kleine Dorfbühne, wo er doch sonst spielend Tausende erreiche?“ mit den entwaffnenden Worten zu beantworten, da sei doch kein Unterschied zwischen hier und beispielsweise der Berliner Philharmonie: „überall Menschen“.

Was unter der erklärten Absicht, mit „the voice“ (Stimme, Klang) zur „Seele“ vorzudringen, zu verstehen sei, erfuhr das erwartungsvolle Dechower Auditorium bereits bei der ersten gemeinsamen Melodie des Giora Feidman Trios, nämlich den berühmten „Nächten an der Moskva“ (podmoskovnye vetschera). Mit Kontrabass und akustischer Gitarre und Klarinette bauen Guido Jäger und Reentko Dirks einen Spannungsbogen von Atmosphäre und Gefühlen, auf den sich Giora Feidmans Klarinette erst zart, dann immer selbstbewusster und schließlich in beinahe kindlicher Spielfreude einlässt, so dass sich niemand mehr entziehen mag.

Ganz anders und doch genau so mitreißend intoniert das Trio anschließend das legendäre Friedenslied „Down by the riverside“, wobei Giora Feidmans riesige Bassklarinette das tiefe Vibrato des teilweise gezupften Kontrabasses verstärkt und Reentko Dirks seine Gitarre ganz wie ein Banjo handhabt. Die Musikanten auf der Bühne und auch ihr Publikum sind nicht mehr zu halten, und bekommen nicht mit, dass draußen ein herbstlicher Regensturm tobt.

Kaum enden wollendes Händeklatschen und schließlich begeistertes Trampeln honorieren die leidenschaftlich gefühlsgetragene Musik, welche Giora Feidman und seine Partner gemeinsam oder mit abwechselnden Soli und sogar teilweise „tanzend“ darbieten.

Inzwischen hat sich das gesamte Haus Dechow dermaßen auf seine illustren Gäste eingestellt, dass eine kleine Geste, ein vielsagender Blick von der Bühne oder nur ein leise säuselnder Klarinettenton zur Kommunikation genügen.

Vollends gerührt erscheint Giora Feidman, als sein Auditorium quasi beim ersten Ton seine Traditional-Melodie „Donna, Donna“ erkennt und spontan mitsingt. Immer wieder steigt das Trio improvisierend ein und lässt den Ohrwurm scheinbar leise ausklingen, bis Giora Feidman verschmitzt „Noch einmal!“ fordert, worauf sich Publikum und Mitspieler gerne einlassen.

Ähnliches passiert, als Giora Feidman eine Weile später (nach gut zwei Stunden Programm u.a. mit musikalischen Neuvorstellungen seiner Bühnenpartner) noch eine neue Melodie verspricht und anbietet, die keinem mehr aus dem Kopf gehen mag: „Lareilaradam“. Und jedermann im Saal glaubt dem beinahe 80-Jährigen aufs Wort, dass er sich hier „wie 55“ fühlt („I feel 55“). Wohl wissend, dass auch hier in Dechow seine Botschaft von Frieden, Völkerverständigung und Versöhnung angekommen ist, verlässt Giora Feidman am späten Abend die Dorfbühne, während ihm sein dankbares Publikum zum Abschied „Shalom“ hinterher singt.

Eine der ersten, welche anschließend im Foyer noch ein Autogramm von ihm ergattern, war übrigens die junge Schauspielerin Annett Renneberg, welche zum Jahresabschluss der Kulturtage Dechow am 11. Dezember ( ab 20 Uhr) einen festlich-heiteren Weihnachtsabend mit Lesung, Gesangs- und Akkordeon-Begleitung zelebrieren wird.



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