Kinderheim Wismar : Leben in der Wohngruppe

Fleißige Architekten: Julia (7) und Florian (13) basteln schon ihr zweites Pfefferkuchenhaus.
Fleißige Architekten: Julia (7) und Florian (13) basteln schon ihr zweites Pfefferkuchenhaus.

Weihnachten zwischen Ersatzmamas, viel Gefühl und Elternurlaub

svz.de von
24. Dezember 2013, 10:00 Uhr

Die Zeiten langer Flure im Kinderheim sind längst vorbei. Genauso die der Stigmatisierung. Eine Kindheit, so normal wie möglich. Mit Umarmungen, Lachen, Weinen und zwei Ersatzmamas in einer kleinen Familie.

Weihnachtsstimmung in der Küche des großen Hauses in der Wismarer Altstadt. Julia (7) und Florian (13) basteln schon am zweiten Pfefferkuchenhaus. Mit ganz viel Zuckerguss und süßer Deko. Vom großen Tisch am Esszimmer kommt Lachen. Christopher (7), Nick (8) und John (14) sind am Servietten falten und basteln – die ersten Vorbereitungen für die Weihnachtsfeiertage und das große Fest. Sabine Hanke und Sabine Seidler lachen mit den Kindern, helfen und verbreiten Weihnachtsstimmung. Singen gemeinsam beim Kaffee und Blick auf die Lebkuchenhäuser „Hänsel und Gretel“. Ein schönes Familienbild in der Vorweihnachtszeit und einem Haus voller Kinder. Außer, dass die Kinder „Frau Hanke“ und „Frau Seidler“ sagen. Die beiden sind die „Ersatzmuttis“ im Schichtdienst in der Wohngruppe. Beide versuchen, ihren Schützlingen so viel Normalität wie möglich zu bieten. Gerade zu Weihnachten. Und an allen anderen 356 Tagen im Jahr.

Sieben Kinder zwischen 7 und 15 Jahren leben in der Wohngruppe. „Die Kinder leben zusammen wie Geschwister und jeder hat sein eigenes Zimmer“, erklärt Sabine Hanke den Unterschied zum dem, was man früher als „Heim“ bezeichnet hat. Fünf solcher Wohngruppen betreut alleine die „Felicitas gGmbH“ in Wismar als anerkannter freier Träger der Jugendhilfe. Aber an das ehemalige Kinderheim am Schwedenstein erinnert nur noch ein großes Bild aus dem Haus. Ein gesticktes Schiff auf Wellen. Das hängt im Wohnzimmer der ungewöhnlichen Patchworkfamilie.

Ihre eigenen Zimmer zeigen die Kinder stolz. Julias Zimmer mit den Bildern und Plüschtieren von „Hello Kitty“ und den „Filly Pferden“, der 14-jährige John mit seinen Legobaukästen, Nick mit den Fotos von den Gruppenfahrten an der Wand. „Das sind Mama und Papa“, zeigt er auf ein Foto. Die 15-jährige Anna nimmt das Foto von ihrer Jugendweihe von der Wand. „Ich habe noch drei Brüder und eine Schwester“, erzählt das junge Mädchen mit Blick auf das Familienbild. Im Alter von sieben Jahren ist sie in die Gruppe gekommen. Jeden Donnerstag hat sie „Muttitag“. Die Eltern gehören dazu, auch wenn die Kinder aus den unterschiedlichsten Gründen nicht bei ihnen leben können. „Die Eltern sind krank oder können sich nicht um ihre Kinder kümmern“, so Sabine Seidler. Es gibt, erzählt sie, auch Eltern, die ihre Kinder einfach nicht wollen. „Aber das ist die Ausnahme.“ „Mein Vater hat was Böses mit mir gemacht“, sagt eines der Kinder.

Für die Kinder ist dieses Leben zwischen der Wohngruppe und der biologischen Familie Alltag. Viele gehen mal über das Wochenende zu den Eltern, wenn dies möglich ist und in der jeweiligen Situation gut. Oder machen dort „Weihnachtsferien“ bei der Familie. „Für die Kinder sind die Eltern die Eltern, wir übernehmen hier die Funktion des Elternhauses, ohne die Funktion der Eltern ersetzen zu können“, so Sabine Seidler. Auch für die beiden Frauen eine Aufgabe, die weit über eine normale Arbeit hinausgeht. Alltag zwischen Haushalt, Hausaufgaben, in den Arm nehmen und gemeinsam Lachen als Lebensaufgabe. Der Kitt in manch einer Kinderseele.

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