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Spurensuche im „Lager Nesow“ : Leben in Bunkern und Baracken

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Aus der Redaktion der Gadebusch-Rehnaer Zeitung

Hunderte Vertriebene und Flüchtlinge kamen 1946 ins Auffanglager. Stadt und Kirchen möchten Ort des Erinnerns einrichten

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erstellt am 08.Apr.2016 | 04:45 Uhr

„Wir waren die ersten dort in Nesow. Der Zug hielt und wir stiegen im Gestrüpp aus.“ – Worte wie diese sind Erinnerungen an das „Lager Nesow“, einem ehemaligen Lager russischer Soldaten, in dem nach Kriegsende Vertriebene aus dem Sudetenland abgeladen wurden. „Es war der 10. Juli 1946, als der erste Transport eintraf“, erzählt Ferdinand Zerhusen, Pfarrer der katholischen Kirchgemeinde Rehna. Schätzungsweise 2000 Menschen kamen bis zum 21. September 1946 so nach Nesow. Seit Monaten ist Zerhusen mit Zeitzeugen im Gespräch, bringt Erinnerungen zu Papier und wenn möglich sammelt er Bilder und Aufzeichnungen.

Gemeinsam mit Pastor Andreas Ortlieb von der evangelischen Kirchgemeinde Rehna arbeitet er die Geschehnisse von vor 70 Jahren auf. Dabei geht es um Lebenszeichen, Erinnerungen und Informationen darüber, wie die Menschen in den Bunkern und Baracken lebten, wie sie ihren Weg in ein neues Leben fanden.

Mit einem Ökumenischen Gottesdienst wollen evangelische Kirche und katholische Kirchgemeinde zum 70. Jahrestag an die Ankunft der Flüchtlinge im „Lager Nesow“ gedenken. „Wir möchten einen Ort der Erinnerung schaffen“, sagt Ortlieb. Schlicht, einfach gehalten, mitten in der Natur im Wald bei Nesow. Das alte Kreuz der Gebetsstätte, die von den Umsiedlern, Vertriebenen eingerichtet wurde, lässt sich noch finden. Ebenso die Überreste der ehemaligen Lager-Verwaltungsbaracke. Sie diente noch bis 2013 einer Familie als Wohnhaus. Ein besonderer Ort für Ferdinand Zerhusen: „Hier wurde damals der Grundstein für die katholische Kirche Rehna gelegt.“

Ein Stück Regionalgeschichte, die Unterstützung verlangt. Ortlieb und Zerhusen sind erfreut, dass die Stadt Rehna den Gedanken für einen Ort des Erinnerns mitträgt. „Die Kommune möchte einen Gedenkstein und eine Infotafel beisteuern“, sagt Andreas Ortlieb.

Dem hat Bürgermeister Hans Jochen Oldenburg nichts entgegen zu setzen. Im Gegenteil. Er sieht seine Kommune mit in der Pflicht: „Wir unterstützen das Projekt und sind bemüht, alle Grundeigentümer an einen Tisch zu bekommen, damit wir für den Ort des Gedenkens eine gemeinsame Lösung hinbekommen.“ Einen Stein und eine Tafel steuere man gerne bei.

Knapp drei Monate bleiben Zerhusen und Ortlieb zur Vorbereitung des Gedenktages. Sie wünschen sich weitere Kontakte zu Zeitzeugen. „Wer Fotografien und Schriftstücke hat, kann sich an uns wenden“, sagt Zerhusen.

Zahlreiche Vertriebene blieben damals bis zu drei Wochen im Lager und siedelten anschließend in der Region. Für die Vertriebenen keine einfache Zeit in einem für sie fremden Landstrich.

Für die Region waren die Vertriebenen ein Neuanfang, wie Andreas Ortlieb sagt: „Diese Menschen bereicherten die Kirchen und prägten das Leben hier vor Ort.“ Eine Geschichte, die es aufzuschreiben gilt. Schon allein vor dem Hintergrund, dass die Geschehnisse um die Vertriebenen in der DDR eine deutlich untergeordnete Rolle spielten.

Ob und wie möglicherweise regionale Schulen sich der Geschichte annehmen, das ist noch offen. Ein wichtiges Thema ist es allemal.

 

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