zur Navigation springen
Gadebusch-Rehnaer Zeitung

23. November 2017 | 10:41 Uhr

Thandorf : Künstler zähmen Amtsschimmel

vom
Aus der Redaktion der Gadebusch-Rehnaer Zeitung

Bürgermeister und Einwohner mit Courage eröffnen „Dörfer zeigen Kunst“ dort, wo eigentlich nur ein paar Schweine hausen dürfen

Dass die länderübergreifende Ausstellungs- und Veranstaltungsreihe „Dörfer zeigen Kunst“ im alten Schweinestall am Dorfteich stattfand, ist vor allem der Dickköpfigkeit eines Bürgermeisters, einem passionierten Kulturfreund und engagierten Thandorfern zu verdanken. Der laut wiehernde Amtsschimmel hätte das am liebsten verhindert. Denn die Eröffnungsveranstaltung fand in einem Schweinestall statt, in dem – ginge es nach besagtem Schimmel – nur ein paar Schweine hausen dürften, mitten im Dorf und direkt am See.

„Eine Umwidmung der Nutzung wurde bislang nicht genehmigt“, so Thandorfs Bürgermeister Wolfgang Reetz, der mit humorigen Worten die Ausstellung eröffnete und immer noch auf die Einsicht der Kreisbehörde hofft.

„Mir ist das nicht verständlich“, meinte auch der Wahl-Thandorfer Dr. Jürgen Richert, ein Arzt aus München mit norddeutschen Wurzeln. Der Kunstfreund restaurierte seinen verfallenen Stall, stellt den rund 400 Quadratmeter großen Raum, der zur Eröffnungsfeier die vielen Menschen kaum fasste, dem Thandorfer Kulturverein für Kunst und kulturelle Nutzung zur Verfügung. „Ich wollte damit meinen persönlichen Beitrag leisten zur Überwindung deutsch-deutscher Gegensätze“, so Richert, der großen Respekt vor dem Engagement der Thandorfer hat. „Eine kommerzielle Nutzung ist nicht geplant.“ Die Alternative wäre ein weiterhin verfallendes Gebäude gewesen – mitten im Dorf, direkt am See.

Kunst überwindet. Kunst verbindet. Mit diesem Motto könnte man also in diesem Jahr die Ausstellung in Thandorf überschreiben: Widerstand gegen Kunst hatte es zu allen Zeiten gegeben und wurde hier einmal mehr überwunden. Verbunden hat sie die Beteiligten in der Überwindung dieses Widerstandes. „Reibung erzeugt Wärme, Nestwärme. Wir wollen unser Nest Thandorf nicht verwalten, sondern gestalten“, so Bürgermeister Reetz in seiner Eröffnungsrede.

Kunst verbindet auch, was an der geographischen Schnittstelle zwischen Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern einst als Bistum zusammengehörte und bis vor 25 Jahren getrennt war, so Kreispräsident Meinhard Füllner, der selber in Pogeez (Schleswig-Holstein) ausstellt. „Wir haben“, so Organisatorin Olivia Althaus-Apmann, „das diesjährige Jubiläum des Mauerfalls eingebunden in die Konzeption der Ausstellung.“

Vereinigung, Aufbruch, Grenzgang sind Titel einiger ihrer Werke, deren fröhliche Farbigkeit vor dem gefleckten Altersgrau der Stallwände hervorragend zur Geltung kommen. Auch die zarte Schönheit des Raumobjektes von Dr. Ute Licht wird durch den Kontrast der ruppigen Wände betont.

Fotos internationaler Graffitis (Hanne Wilberg), zarte Bleistiftzeichnungen (Anne Auerbach), Korbkunst (Kerstin Lorenz) und abstrakte Malerei (Susanne Köttgen) werden das alte Gemäuer des kunst.STALL.thandorf auch ohne offiziellen Segen in den nächsten drei Wochen bewohnen, die Besucher empfängt eine Skulptur von Sawas Tsingelidis. Einen Vorgeschmack auf musikalische Nutzung des Stalls lieferte die Lübecker Akkordeon-Virtuosin Martina Tegtmeyer, die mit wunderbaren Interpretationen von Bach (Piazzolla, Toccata d-moll) den Festakt umrahmte.

Das dritte Motto in Thandorf müsste lauten: Kunst bewegt. Nicht nur Gemüter, auch Besucher: Die Ausstellung findet nicht nur im Stall am See, sondern auch im Dorfgemeinschaftshaus statt. „Zwischen beiden wurde extra ein Weg angelegt“, verdeutlicht Olivia Althaus-Apmann. Am Teich hinterm Stall lockt eine Bank zum Blick in die Landschaft, bevor der mit gestalteten Steinen gesäumte Fußweg am Gemeinschaftshaus endet, das örtlichen Kunstschaffenden vorbehalten ist.


Karte
zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen