Stadtkirche Gadebusch : Künstler will die Mächtigen stürzen

Künstler Matthias Kempendorf sägt am Stuhl der Mächtigen.
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Künstler Matthias Kempendorf sägt am Stuhl der Mächtigen.

Matthias Kempendorf verwandelt die Gadebuscher Königskapelle in ein Atelier auf Zeit und entwirft Installationen mit Dynamik

svz.de von
17. Juni 2016, 04:45 Uhr

Installationen, Altarbilder, Vitrinen und Holzschnitte − die Gadebuscher Stadtkirche gleicht zurzeit einem Atelier. Denn für das Projekt „Artist in parish“, zu deutsch „Künstler in der Gemeinde“, hat die Gadebuscher Gemeinde den anerkannten Hamburger Künstler Matthias Kempendorf engagiert. Zuvor war Gadebusch als eine von drei Gemeinden im Kirchenkreis Mecklenburg innerhalb der Nordkirche für dieses Projekt im Vorfeld des Lutherjahres 2017 ausgewählt worden(SVZ berichtete).

Das künstlerische Programm von Matthias Kempendorf, der in seinen Arbeiten der letzten Jahre verstärkt auf die Verarbeitung althistorischer, mythologischer und religiöser Elemente setzte, ist das Spiel mit Erinnerungen sowie mit Motiven aus der Bibel, insbesondere mit dem „Magnificat“ (Marias Lobgesang) aus dem Lukasevangelium Kapitel 1, Vers 26-56, in dem es heißt: „Meine Seele preist die Größe des Herrn, und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter. […] Er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen.“. Auch die Bitte der kinderlosen Hanna im Buch Samuels und der Gesang der Mirjam im Alten Testament haben Kempendorf inspiriert. Darüber hinaus reflektiert sich in seinen Arbeiten seine Einstellung zum Leben und zur Gesellschaft.

Kempendorf, der auch unter dem Pseudonym „m.u.kepno“ arbeitet, verfälscht Erinnerungen und macht sie zu scheinbar echten. Er setzt Materialien sparsam ein und erzeugt mit wenig Mitteln die größtmögliche Wirkung. Durch die Installation von umgestürzten Stühlen entsteht im Kirchenschiff eine bildliche Dynamik, die den Betrachter vor den Kopf stößt und ihn zum Nachdenken anregt, auch über sich selbst. Gleichzeitig verlagert Kempendorf kaum sichtbar gesellschaftskritische Botschaften in seine Werke. Er selbst versteht sich als bescheidener Mensch, der als Künstler zwischen den Zeilen auf die sozialen Missstände aufmerksam macht. Er will sich zum Thema Macht einbringen. Seine Ausstellung kann daher auch als eine versteckte Kapitalismus-Kritik verstanden werden. „Es kann nicht sein, dass die Reichen immer reicher werden und die Armen immer ärmer“, sagt Kempendorf. Gleichzeitig jedoch sind seine Werke aufgrund der künstlerischen Freiheit nicht darauf beschränkt. Denn „die Dinge, wie sie sind, einfach platt auszusprechen, entspricht nicht dem Anspruch des Künstlers“, so Kempendorf.

Ab dem 1. Juli wird seine Ausstellung vollständig zu sehen sein, wenn die Vitrinen und Altarbilder fertig sind. Passend zu den 40 installierten Stühlen bringt Kempendorf eine Auflage von 40 Holzschnitten heraus. Die Besucher seiner Ausstellung können sich also auf ein reiches künstlerisches Angebot freuen.

Der Kontakt und das Gespräch mit anderen Menschen sind ihm wichtig. Er hofft, dass die Ausstellung noch den ganzen Sommer über viele Besucher anlockt, die durch seine Kunst zum Nachdenken angeregt werden sollen. Vielleicht wird Matthias Kempendorf also mit seiner Ausstellung doch etwas mehr als nur ein paar Stühle bewegen.


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