In Wismar gehen Fachleute einem ungewöhnlichen Hobby nach : Kanone nach historischem Vorbild

<strong>Feinabstimmung: </strong>Hartmut Schießer (r.)  erklärt Bernd  Schnorr  Details der noch farblich unbehandelten Kanonen. <fotos>zeigert</fotos>
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Feinabstimmung: Hartmut Schießer (r.) erklärt Bernd Schnorr Details der noch farblich unbehandelten Kanonen. zeigert

Das blanke Metall der beiden Geschützrohre glänzt in der Sonne. Hartmut Schießer versucht per Stange die Objekte noch etwas in bessere Position zu rücken. Wahrlich keine leichte Aufgabe. Die Dinger wiegen etwa 630 Kilo.

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29. Juli 2012, 05:19 Uhr

Wismar | Das blanke Metall der beiden Geschützrohre glänzt in der Sonne. Hartmut Schießer versucht per Stange die Objekte noch etwas in bessere Position zu rücken. Wahrlich keine leichte Aufgabe. Die Dinger wiegen einzeln etwa 630 Kilo. Um sie zur ersten Präsentation aus der Produktionshalle ins Freie zu befördern, musste sogar ein Gabelstapler bemüht werden.

"Vorderladerkanonen auf Schiffs lafetten", erklärt der Mitarbeiter der Schottel Unternehmensgruppe am Standort Wismar. "Jetzt also allgemeine Aufrüstung bei den Fachleuten für Schiffsantriebe?", so die zwangsläufige Frage. Weit gefehlt, die großkalibrigen Geschütze, nachempfunden aus vergangenen Jahrhunderten, sollen lediglich Salutzwecken dienen. Längst war der Moment fällig, um möglichst vielen an der Arbeit Beteiligten Gelegenheit zu geben, sich im Tageslicht von der fast vollendeten Fertigstellung zu überzeugen.

"Die Rohre bleiben allerdings nicht in diesem Zustand, sondern erhalten noch einen schwarzen Überzug", heißt es weiter. Erklärt wird ebenso, dass die Lafetten eigentlich aus Holz bestehen. Doch dafür hätten die "Kanonenbauer" etwa 5000 Euro an Material und Fertigungskosten aufbringen müssen und das kam nicht in Frage. "Deshalb erhalten diese Teile einen Anstrich in Schottel-Blau", erklärt Schießer weiter. Dabei macht er seinem Namen einmal mehr alle Ehre. Längst gilt er nicht nur als Ideengeber, Konstrukteur und Leiter der Arbeitsgemeinschaft Kanonenbau. Als einer der dienstältesten Geschützmeister gehört er zum Stamm der Mitglieder der Wismarer Schützenzunft der ersten Stunde. Längst steht er genauso bei der Koggenbesatzung in freiwilligen Diensten. Denn Dank seiner Initiative und dem Fleiß weiterer etwa 25 Mitstreiter erhielt die Kogge "Wissemara" bereits im Mai 2006 zwei Relinggeschütze, so genannte Drehbassen.

Doch der freizeitengagierte Wismarer mag es überhaupt nicht, so in den Vordergrund gestellt zu werden. Deshalb seine Reaktion: "Es haben sich ähnlich viele Mitarbeiter, Förderer und Befürworter dieses Projektes, welches bereits vor zwei Jahren startete, dafür engagiert." Auch einige Fremdfirmen gaben Unterstützung.

Der Aufwand allein von Material und der freizeitlichen Arbeit wertet die beiden Unikate zu kaum bezahlbaren Objekten auf. Anliegen ist es, mit diesen beiden Großgeschützen, die wegen ihres Gewichtes eines festen Standortes bedürfen, zu besonderen Anlässen Ehrensalut zu feuern. Da es sich um den Nachbau von Schiffsgeschützen handelt, gehen erste Vorstellungen davon aus, eine im Alten Hafen zu platzieren. "Vielleicht in der Nähe, wo bereits der Schottel Propeller steht", so Schießer. Der zweite Prototyp soll als funktionstüchtiges Präsentationsobjekt auf dem Schottel-Gelände verbleiben.

Begleitet wurde das Projekt allerdings durch günstige Umstände. Denn für eine Schiffs-Schraubenwelle mit einer Länge von etwa neun Meter fand sich keine Verwendung mehr. Eine Innenbohrung war bereits vorhanden, so dass sich daraus das Kaliber von 93 Zentimetern ergab. Wenngleich es sich um Hobbytätigkeit in der Freizeit handelt, so belegen die zwei Produkte zweifelsfrei eine hoch qualifizierte Teamarbeit von Spezialisten der Schottel Unternehmensgruppe. "Auf jeden Fall stellte sich diese Arbeitsgemeinschaft einer hohen, technischen Herausforderung, in der viel Herzblut steckt", formulierte es der Wismarer Niederlassungsleiter Bernd Schnorr. Dass dies ohne Zustimmung des Unternehmens kaum funktionieren würde, ist keine Frage. "Aber damit haben wir keine Probleme", ergänzt der alleinvertretungsberechtigte Prokurist.

Ist die Abnahme und Zertifizierung durch das Beschussamt in Eckernförde erfolgt, steht der Inbetriebnahme zu besonderen Anlässen nichts mehr im Weg. Dass nun üppig damit rumgeballert werden kann, dürfte kaum zu erwarten sein. Bis zu 400 Gramm Schwarzpulver kann pro Ladung verschossen werden. Und das kracht nicht nur ordentlich, sondern geht auch ins Geld.

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