Dechow : Kammerspiel mit „Oma Rosa“

Fast atemlos folgte das Publikum dem zweistündigen Kammerspiel und honorierte es mit anhaltendem Applaus.  Fotos: Möschl
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Fast atemlos folgte das Publikum dem zweistündigen Kammerspiel und honorierte es mit anhaltendem Applaus. Fotos: Möschl

Ein wirklich besonderer Jahresausklang der Kulturtage Dechow.

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10. Dezember 2018, 11:24 Uhr

Drei blendendweiße Holzstühle auf der abgedunkelten Bühne und ein ziemlich mitgenommener Plüschteddy – mehr brauchte Friederike Brüheim nicht, um die Gäste der Kulturtage Dechow ganz allein über fast zwei Stunden nonstop zu fesseln. Und das mit einem Thema, welches so gar nicht in die Weihnachtszeit zu passen schien – oder gerade doch. Gastgeberin Irmgard von Puttkamer war sich da nicht sicher, aber „wollte es unbedingt, weil mich das Buch so berührt hat“.

„Oskar und die Dame in Rosa“ hieß das Stück, geschrieben von Eric-Emmanuel Schmidt und hier auf der Dorfbühne dargeboten als Ein-Personen-Kammerspiel, dem der vollbesetzte Saal geradezu atemlos folgte, obwohl es wahrlich schwer zu Fassendes thematisierte.

Der kleine Oskar, gerade mal zehn Jahre jung, ist gestorben an Blutkrebs – einer Krankheit, die neuesten Erhebungen zufolge allein in Deutschland alle 15 Minuten bei einem Menschen diagnostiziert wird. Diese Krankheit ist unter Umständen heilbar etwa durch die Übertragung von Knochenmark eines gesunden Spenders, erfährt das Publikum. Diese Operation aber hat nicht funktioniert beim kleinen Oskar und eine Dame in Rosa (hierzulande tragen diese ganz besonderen Freiwilligen meist Grün) betritt ein letztes Mal das Krankenzimmer, in dem sie diesem Patienten eine Zeit lang auf eine Art und Weise beigestanden hatte, wie es aus Zeitmangel kein medizinisches oder Pflegepersonal schafft.

Nur mühsam die Tränen unterdrückend, findet die Dame, die der Junge in seinen letzten Lebenstagen als seine „Oma Rosa“ lieb gewonnen hatte, an dem nun leeren Krankenlager überraschend einen Stapel Briefe: „Lieber Gott, ich heiße Oskar. Ich bin 10 Jahre alt ...“, liest sie. Und weiter: Das Krankenhaus sei „Spitze“, wenn man ein Kranker sei, der „Freude macht“. Aber er mache keinem Freude mehr. „Niemand lacht mehr mit mir, bloß Oma Rosa.“

Während Friederike Brüheim Seite für Seite liest, mischt sich der Text mit den grandios und überzeugend dargestellten Erinnerungen der Protagonistin an die eigentlich nur spärlichen Erlebnisse und Gespräche mit dem Sterbenden, der sich seines unabwendbaren Schicksals zunehmend bewusst wird und trotzdem nicht aufgibt. Fast philosophisch hält der kleine Patient seiner Umwelt den Spiegel vor, etwa als er trotzig seinen alten, verschlissenen Teddy behält, als die Eltern ihm einen neuen schenken wollen: „Holt Ihr Euch denn ein neues gesundes Kind, wenn das alte krank ist?“

Die Gedankenwelt des Jungen und seine Begegnungen mit gleichaltrigen Patienten, aber auch Klinikpersonal und Besuchern, werden durch das mitreißend ausdrucksstarke Spiel von Friederike Brüheim geradezu fassbar lebendig auf dem ganzen Spektrum von komisch bis traurig. Und das Publikum erfährt staunend von jenen Konsequenzen, welche scheinbar beiläufige Bemerkungen oder selbst tröstlich gemeinte Fantasien auslösen können.

Dem todgeweihten Zehnjährigen zum Beispiel beschert die von „Oma Rosa“ erzählte Legende von den zwölf Orakel-Tagen um Weihnachten nämlich „ein erfülltes Leben“, in dem Oskar jeden einzelnen Tag wie zehn Lebensjahre empfindet und letztlich zufrieden scheidet.

Ein wahrlich tröstliches Ende der Geschichte und für sehr viele aus dem Dechower Publikum dieses außergewöhnlichen Abends ein Anstoß mehr, sich – wie Anfang November Gunda Granier aus dem Nachbardorf Thandorf – ganz persönlich mit dem Thema Stammzellenspende auseinanderzusetzen. Auf jeden Fall ist die ausnahmsweise im Foyer des Hauses Dechow aufgestellte Spendenbüchse der Deutschen Knochenmarkspenderdatei (DKMS) nicht leer geblieben. Inhalt: 494 Euro!

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