zur Navigation springen

Betrugsfall : Kaffeefahrt mit böser Überraschung

vom

Eigentlich ist Erwin Freimann ein Glückspilz: 1052 Euro sollen sich auf seinem Konto bei der Niedersächsischen Treuhand angesammelt haben, die ihm in der kommenden Woche, am 22. Februar, ausgezahlt werden sollen.

svz.de von
erstellt am 17.Feb.2012 | 06:59 Uhr

Gross Salitz/Breesen | Eigentlich ist Erwin Freimann ein Glückspilz: 1052 Euro sollen sich auf seinem Konto bei der Niedersächsischen Treuhand angesammelt haben, die ihm in der kommenden Woche, am 22. Februar, ausgezahlt werden sollen. Neben Frühstück und Mittagessen soll er dann auch ein "nagelneues mobiles Navigationsgerät" erhalten - als Prämie, heißt es in dem Schreiben der Niedersächsischen Treuhand, das Freimann in der vergangenen Woche erhalten hat.

Nur: Erwin Freimann hat von der Niedersächsischen Treuhand noch nie etwas gehört. Er führt dort weder ein Konto, noch kennt er den im Briefkopf genannten Ansprechpartner. Und so war dem Groß Salitzer auch gleich beim ersten Lesen klar, dass mit diesem Schreiben, den großzügigen Ver sprechungen und nicht zuletzt der Einladung in die "Zweigstelle in der Nähe von Groß Salitz", zu der die Teilnehmer mit einem Bus gebracht werden sollen und deren Adresse nicht einmal genannt wird, etwas nicht stimmt. "Ich hab mich richtig geärgert. Das ist doch Schwindelei. Diese Leute wenden sich immer an die Älteren. Und es gibt auch immer noch so viele, die darauf reinfallen", sagt der 84-Jährige. Seine Einschätzung der Seriosität des selbst ernannten "Finanzservice" teilt die Neue Verbraucherzentrale für Mecklenburg und Vorpommern. "Es handelt sich um nichts anderes als eine geschickt gestaltete Einladung zur Kaffeefahrt. Weder eine Niedersächsische Treuhand, noch eine Bank mit Treuhandtravelkonto sind real existent", warnt die Verbraucherzentrale. Stattdessen sollten schlichtweg Busse mit potenziellen Kunden für den Verkauf von meist überflüssigen und überteuerten Produkten gefüllt werden.

"Diese Einladungen zu Kaffeefahrten werden immer neu gestaltet, damit man nicht auf den ersten Blick erkennt, worum es sich tatsächlich handelt", erklärt Verbraucherschützer Matthias Wins. Es werde versucht, der Sache einen offiziellen Anstrich zu geben. So auch bei der Niedersächsischen Treuhand, die neben dem Namen eines "Finanzverwalters" auch ein Kassenzeichen und sogar einen Kontoausdruck des vermeintlichen Treuhandkontos mitsendet. "Das alles klingt dann erst einmal, als wäre es etwas Offizielles", verdeutlicht Wins.

Der Jurist weiß, dass sich trotz aller Warnungen immer wieder Leute auf die Angebote einlassen: "Sie denken, sie könnten auch vor Ort noch entfliehen. Aber man kann nicht entfliehen. Meist gibt es nichts anderes, als den Saal, in dem die Veranstaltung stattfindet." Und die Verkäufer seien Profis, die mit allen Tricks arbeiten. "Das reicht von der zuckersüßen Stimme bis hin zur Bedrohung. In jedem Fall muss man sich auf eine unangenehme Erfahrung und verlorenen Nachmittag gefasst machen. Es wird häufig unterschätzt, wie professionell diese Leute arbeiten", so Wins. Massenhaft meldeten sich bei der Verbraucherzentrale derzeit Personen, die das Schreiben der Niedersächsischen Treuhand erhalten haben. "Das sind jeden Tag mehrere", sagt Wins.

Wer sich auf eine Kaffeefahrt eingelassen und sogar etwas gekauft hat, dem kann die Verbraucherzentrale nur helfen, wenn erworbene Waren noch nicht bezahlt sind. "Sobald Geld geflossen ist, sei es per EC-Karte oder weil man mit dem Verkäufer zur Bank gegangen ist, nützt auch die beste Rechtslage nichts", warnt Wins. Denn auf ein Widerrufsrecht sei nicht zu hoffen: "Bei Kaffeefahrt-Veranstaltern nützt einem das Widerrufsrecht nicht. Denn oft ist nicht einmal zu klären, wer überhaupt dahinter steht. In anderen Fällen arbeiten die Unternehmen vermögenslos, so dass nichts zu holen ist." Der Verbraucherschützer betont, dass die Veranstaltung der Niedersächsischen Treuhand erst beurteilt werden könne, wenn sie tatsächlich gelaufen sei. "Aber wir haben seit Jahrzehnten die Erfahrung, dass die Menschen am Ende nichts bekommen." Wins empfiehlt, misstrauisch zu bleiben und sich nicht aufzuregen - und Schreiben, die man für dubios halte oder nicht benötige, im Altpapier zu entsorgen.

Das wird auch Burghard Stüber tun: Bei seiner Mutter landete das Schreiben der Niedersächsischen Treuhand am vergangenen Dienstag im Briefkasten. "Das Schreiben ist aufgrund seiner Aufmachung einfach nicht zu durchschauen. Ich finde es eine Frechheit, gerade älteren Leuten, die eben keinen Zugang zum Internet haben und keine Wirtschaftssendungen schauen, so etwas unter zu jubeln", ärgert sich der Breesener. Er hält auch den emotionalen Druck, der durch die Formulierungen in den Briefen aufgebaut werde, für gefährlich: "Gerade ältere Menschen wissen doch damit häufig nicht umzugehen und denken dann, sie müssten da jetzt hin gehen."

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen