Vorwurf: Dreijähriger misshandelt : Jugendamt steht in der Kritik

Was ist schief gelaufen beim Jugendamt?
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Was ist schief gelaufen beim Jugendamt?

Jugendhilfeausschuss will Antworten zum Fall eines unterernährten Jungen aus Grevesmühlen. Landrätin verteidigt Vorgehen

svz.de von
08. Juni 2016, 04:45 Uhr

Der Fall eines unterernährten und offenbar misshandelten Jungen aus Grevesmühlen wird heute Thema im Jugendhilfeausschuss des Kreistages. Die Vorsitzende des Ausschusses, Judith Keller, will das Thema nach SVZ-Informationen zusätzlich auf die Tagesordnung setzen lassen. „Wir wollen das offen und öffentlich diskutieren“, sagt Judith Keller (Linke). Zudem findet auf Antrag der Linken am 20. Juni eine außerplanmäßige Sitzung des Kreistages zum Thema statt.

Am 13. Mai war bekannt geworden, dass die Staatsanwaltschaft Schwerin gegen den Vater eines dreijährigen Jungen wegen Kindswohlgefährdung ermittelt. Der Junge war unterernährt und hatte zahlreiche Hämatome. Er kam ins Krankenhaus und das zuständige Jugendamt Grevesmühlen nahm das Kind darauf in Obhut. Zurzeit lebt der Junge bei einer Pflegefamilie. Der Fall hatte für Wirbel gesorgt, weil der Vater seit Anfang des Jahres vom Jugendamt betreut wird. Trotzdem geriet der Dreijährige in diese prekäre Lage.

Die Kernfrage der Diskussion ist nun: Ist die personelle Situation im Jugendamt die Ursache dafür oder hat der zuständige Sozialarbeiter nicht richtig und nicht oft genug hingeschaut?

Das Jugendamt des Nordwestkreises kämpft seit geraumer Zeit mit einer angespannten Personalsituation. Darauf weist ein anonymes Schreiben hin, mit dem der Fall öffentlich wurde. Angeblich hat eine Mitarbeiterin des Amtes das Schreiben verfasst. Bestätigt ist das nicht.

Im vergangenen Jahr lagen vier Überlastungsanzeigen von Sozialarbeitern des Jugendamtes vor. Der Landkreis hat nach eigenen Angaben mehrfach Stellen ausgeschrieben, konnte aber nicht alle besetzen. Aktuell sollen vier Stellen vakant sein. Seit 2014 gab es 42 Ausschreibungen. „Ausgebildete Sozialarbeiter sind derzeit am Arbeitsmarkt Mangelware und das bei gleichzeitigem Anstieg der auflaufenden Fälle“, sagt Landrätin Kerstin Weiss. Das weiß auch der Kreistag. Dem liegt ein entsprechendes Gutachten der Kommunalen Gemeinschaftsstelle für Verwaltungsmanagement vor.

Viel Arbeit hin oder her: Eine Überlastungsanzeige des Sozialarbeiters, der den Vater des Dreijährigen betreute, lag bis zum 13. Mai aber nicht vor. Zur aktuellen Situation des Mitarbeiters wollte die Landrätin mit dem Verweis, dass es sich um eine Personalangelegenheit handelt, nichts sagen.

Ein Versäumnis im Amt kann Kerstin Weiss zumindest nicht erkennen. „Wir haben die Abläufe in diesem Fall mit dem Jugendamt analysiert und sind zu der Auffassung gelangt, dass der zuständige Bereich in Ermangelung konkreter Anhaltspunkte zu keiner anderen Einschätzung kommen konnte.“

Ob sich der Jugendhilfeausschuss mit dieser Antwort zufrieden gibt, darf bezweifelt werden. Er tagt heute um 17 Uhr in Wismar in der Kita Hanseatenhaus, Schweriner Straße 16. Die Staatsanwaltschaft ermittelt weiter gegen den Vater.

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