Häusliche Gewalt : Jede vierte Frau betroffen

Häusliche Gewalt: Zehntausende Fälle gibt es   jedes Jahr in Deutschland. Im Kreis Nordwestmecklenburg waren es im vergangenen Jahr 44.
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Häusliche Gewalt: Zehntausende Fälle gibt es jedes Jahr in Deutschland. Im Kreis Nordwestmecklenburg waren es im vergangenen Jahr 44.

Awo bietet Hilfe für Opfer an. Seit 2008 gab es 265 Fälle in Nordwestmecklenburg. Sechs Prozent der Hilfesuchenden in MV sind Männer

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10. Februar 2014, 00:00 Uhr

Ein blaues Auge und ein zerschundenes Gesicht – Schläge, wenn ihm etwas nicht passt. Tritte, weil er sich ärgert. Ein Leben in ständiger Angst vor einer Person, die einem nahe steht. Hilflosigkeit, Scham und Hoffungslosigkeit – das ist häusliche Gewalt. „Wobei ein blaues Auge nicht die häufigste Form von häuslicher Gewalt ist“, sagt Karina Brauer, Mitarbeiterin der Arbeiterwohlfahrt (Awo) und zuständig für die Kontakt- und Beratungsstelle für Opfer häuslicher Gewalt in Grevesmühlen. Neben der physischen Gewalt gebe es die psychische, die ökonomische und die sexuelle Gewalt. Meist fänden sich Kombinationen der verschiedenen Gewalttypen, sagt die Awo-Mitarbeiterin.

Karina Brauer kennt viele Schicksale von Menschen, die einer oder mehrere dieser Gewalttypen ausgesetzt waren und sind. „Und die zu uns kommen, das sind schon die Mutigen“, so Brauer. Die Dunkelziffer der Betroffenen sei gar nicht abzuschätzen. „Es laufen viel mehr Betroffene durch die Welt, als wir annehmen. Und ihre Kinder, die erwachsen werden, sind dann wieder neue mögliche Fälle“, sagt die Awo-Mitarbeiterin. Jede vierte Frau in Deutschland im Alter zwischen 16 und 85 Jahren hat durch aktuelle oder frühere Beziehungspartner körperliche Übergriffe ein- oder mehrmals erlebt, belegt eine repräsentative Studie aus dem Jahr 2004. Allein in Nordwestmecklenburg haben sich seit dem Jahr 2008 insgesamt 23 Männer und 242 Frauen an die Beratungsstelle der Awo gewendet. In 2013 gab es 44 Personen, die häuslicher Gewalt ausgesetzt gewesen waren und sich bei Karina Brauer gemeldet haben. „Zudem sind dabei 31 Kinder betroffen gewesen“, so Brauer.

Häusliche Gewalt sei nicht vom Milieu abhängig und auch der Bildungsstand sei nicht entscheidend, sagt die Awo-Mitarbeiterin. Es treffe alle Altersgruppen. „Unsere älteste Klientin war knapp 80 Jahre alt. Sie hat es 50 Jahre mit ihrem Mann ausgehalten bevor sie sich an uns wandte“, sagt Brauer. Doch die meisten , die sie kontaktierten, seien Frauen im Alter zwischen 40 und 60 Jahren. Der Erstkontakt verläuft meist telefonisch. Dann können die Betroffenen einen Termin vereinbaren, um die Hilfe von Karina Brauer in Anspruch zu nehmen. „Wer herkommt, der ist betroffen, davon gehe ich aus“, sagt Brauer.

Sie steht den Frauen und Männern zur Seite, begleitet sie zum Rechtsanwalt, zum Jobcenter oder auf die Wohnungssuche. Oft sei bei den Betroffenen kaum Selbstbewusstsein vorhanden, sagt die Awo-Mitarbeiterin. Dann sei es wichtig, sie zu bestärken, ihnen klarzumachen, dass sie geschützt werden können und sich der Gewalt nicht aussetzen müssen. „Die Hilfsangebote sind wichtig für Betroffene, hier können sie ihre Situation schildern und es gibt jemandem mit dem sie ihr schlimmstes Geheimnis teilen können. Oft bin ich die erste, die davon erfährt.“ In der Beratungsstelle herrsche Schweigepflicht, versichert Brauer. Hier seien Betroffene sicher. „Und viele sehen wir nicht zum ersten Mal. Die Gewalt hört nicht auf, nur die Geschenke werden größer. Von Seiten des Täters wird oft das Blaue vom Himmel versprochen“, weiß Karina Brauer aus Erfahrung.

Betroffene, bzw. Täter, könnten nicht nur Eheleute sein, auch der Cousin, der Vater, Bruder oder eine Tante können die Peiniger sein, erklärt die Awo-Mitarbeiterin. „Und aus Betroffenen können auch wieder Täter werden. Oft bringen die Betroffenen eine Familientradition mit.“ Es gebe Studien, die belegten, dass Jungen, die häusliche Gewalt als Kind erlebt haben, zu 95 Prozent später selbst zum Täter werden, so Brauer. „Und 72 Prozent der Mädchen mit dieser Vergangenheit werden später Betroffene. Das ist schon erschreckend. Die haben das so gelernt und von ihren Eltern übernommen.“ Häusliche Gewalt sei für viele normal.

Um so wichtiger findet die Awo-Mitarbeiterin, dass jeder, der davon etwas bemerke, auch etwas dagegen unternehme. „Und sei es auch nur, den Betroffenen anzusprechen und zu sagen: Ich habe mitbekommen, was da passiert.“ Denn häusliche Gewalt sei eine Straftat, betont Brauer. Auch wenn sie im häuslichen Rahmen stattfinden würde, sei diese Gewalt keine private Sache, macht die Awo-Mitarbeiterin deutlich.

Zudem wüssten viele Betroffene nicht, dass es Hilfsangebote gebe, sagt Brauer. Und Unterstützung gibt es. Zum Beispiel dabei, eine Anzeige gegen den Täter in die Wege zu leiten. „Der Vorteil einer Anzeige liegt darin, dass damit die Gewalt öffentlich gemacht wird und für den Täter eine andere Dimension annimmt“, erklärt Brauer. Zudem vermittle sie auch an andere Einrichtungen weiter denn oft hätten die Betroffenen nicht nur ein Problem. „Zu der Gewalttätigkeit kommen dann beispielsweise noch Schulden dazu.“ Ihr Netzwerk sei gut und die Beratung kostenfrei, sagt Brauer. „Nach der Erstberatung entscheidet dann jeder selbst, wie oft und ob er überhaupt wieder mit uns in Kontakt treten möchte.“

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