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Anerkannte asylbewerber : Integrationshilfe und ihre Hürden

vom
Aus der Redaktion der Gadebusch-Rehnaer Zeitung

Kathrin Müller, Rica Lingner und Juliane Trebschuh helfen anerkannten Asylbewerbern aus Syrien

svz.de von
erstellt am 27.Okt.2016 | 05:00 Uhr

Ein schmuckloser, stark in die Jahre gekommener Viergeschosser auf dem Land. Früher Lehrlingswohnheim, heute Unterkunft für Asylbewerber. Gegen halb zehn Uhr morgens steigen Kathrin Müller, Juliane Trebschuh und Rica Lingner die Außentreppe hinauf. Die drei Angestellten der Arbeiterwohlfahrt sind als Integrationslotsen in Nordwestmecklenburg unterwegs, um bereits anerkannte Asylbewerber bei der Integration in ihre zumindest vorübergehend neue Heimat zu unterstützen.

Doch noch bevor das Trio das Haus betritt, ein erstes Problem. Jede Menge Werbeprospekte, aber auch Briefpost liegt wild zerstreut vor der Eingangstür herum. Dem Briefkasten darüber fehlt die Kastentür, die findet sich zwischen besagtem Papiergemenge. Wer hier auf Post wartet, wartet im Zweifel vergebens. Und das kann für Asylbewerber unangenehme Folgen haben. „Sind dazwischen beispielsweise irgendwelche Aufforderungen des Jobcenters, denen der Empfänger dann nicht nachkommt, weil er sie gar nicht bekommen hat, drohen ihm Leistungskürzungen“, erklärt Kathrin Müller.

Im Haus angekommen, suchen die Mitarbeiterinnen der Arbeiterwohlfahrt nach Bewohnern. Kein leichtes Unterfangen. Die Türen in den langen dunklen Fluren – zwei von ihnen werden wegen defekter Deckenbeleuchtung auch am Tag nicht heller – sind verschlossen. Die Bewohner vielleicht zu Integrations- oder Sprachkursen unterwegs, wer weiß das schon. Dann öffnet sich im vierten Stock eine Tür. Vorsichtig und mit verstörtem Blick öffnet ein älterer Mann die Tür. „Wir sind von der Awo, keine Angst, alles gut“, beruhigt Juliane Trebschuh den Iraner. Schnell bekommen die Integrationslotsen heraus, dass der 56-Jährige aus dem Iran stammt und auf seine Abschiebung wartet. Kein Fall für sie, sondern für die Migrations- und Ausländerberatung. Doch wenigstens weiß der Mann, in welchen Zimmern ein paar Asylbewerber gerade da sein müssten. An diese Tür geklopft, hier noch und da noch und schon sind Kathrin Müller, Juliane Trebschuh und Rica Lingner von jungen syrischen Männern umringt. Ihre Arbeit beginnt.

Sie stellen sich vor, fragen nach Anerkennungsstatus, Herkunft, Namen, Alter. Da gibts dann auch schon das nächste Problem. Ein junger Syrer zeigt seine Aufenthaltsgestattung, eine Art Ersatzausweis. Darin ist vermerkt, dass er 1997 geboren sei. Angeblich sei er aber viel jünger. „Ich bin im Jahr 2000 geboren“, versichert er. Dann wäre er ein sogenannter unbegleiteter minderjähriger Flüchtling und müsste unter Vormundschaft gestellt werden. Dies bedeutet einen weiteren Behördengang zum Jugendamt.

Immer wieder weisen die drei Frauen auf Dinge hin, die nach der Anerkennung des Asylbewerberstatus erledigt werden müssen. „Wir beraten und unterstützen bei der Anmeldung für Kindergärten, beim Ausfüllen von Anträgen für Kinder- oder Elterngeld, Berufs- und Teilhabe oder aber auch Unterhaltsvorschüssen sowie der Suche nach einer eigenen Wohnung“, sagt Kathrin Müller.

Auch das ist offensichtlich nicht wirklich einfach. Beispiel Groß Stieten. Ein junger Mann steht in der Tür seines Zimmers. Ein Einzelbett unter dem Fenster, ein Kühlschrank, ein kleiner Tisch samt Stuhl, Deutsch-Vokabeln in großen Lettern auf Zetteln an einer Wand befestigt. Kathrin Müller hätte in Beidendorf sofort eine Wohnung für ihn. „Nein, das möchte er nicht“, übersetzt ein Landsmann. Er wolle lieber nach Wismar, nicht aufs Dorf. Als der Wohnungssuchende dann noch erklärt, ein angebliches Angebot zur Anmietung einer Wohnung in Wismar Wendorf ausgeschlagen zu haben, weil er lieber mitten in der Stadt wohnen möchte, verschlägt es den Helfern für einen Moment die Sprache. „Wendorf, das ist doch schon Luxus“, mein eine der Frauen. Ganz normaler Alltag für die Integrationsberater. Bloß nicht persönlich nehmen. Ein Job, nicht ganz wie jeder andere. „Abwechslungsreich, man lernt viele Menschen kennen“, sagt Rica Lingner. Und, da sind sich alle drei einig: ein Job mit Spaßfaktor. 

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