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Gadebusch-Rehnaer Zeitung

25. November 2017 | 09:08 Uhr

Wismar : Integration bei Kaffee und Kakao

vom
Aus der Redaktion der Gadebusch-Rehnaer Zeitung

Initiative verkuppelt Migranten mit Einheimischen unter dem Motto „Integration à la Carte“ zum gemeinsamen Kaffee und Kennenlernen

Nils ist alleinstehend mit zwei Söhnen, Nabeel alleine mit seinem Sohn Aref. Ersterer ist Zugezogener aus Greifswald, ist wegen der Arbeit im Stadtarchiv nach Wismar gekommen. Nabeel ist als Flüchtling in der Hoffnung auf Überleben aus dem Iran in die Hansestadt gekommen und war einen Monat lang mit seinem neunjährigen Sohn zu Fuß unterwegs, mit der Bahn und mit Booten.

Ein erstes Treffen bei Kaffee, Kakao und Keksen, ein Beschnuppern auf Deutsch und Englisch. Ein ins Gespräch kommen, nachfragen, erzählen. Die drei Jungs haben es einfacher. Mit ein paar Bauklötzen und der gemeinsamen Idee, aus dem Turmspiel eine Dominobahn zu bauen, ist das Eis gebrochen. Die Jungs spielen, erzählen, lachen. Und ziehen nach dem Kakao die Jacken an, sie wollen draußen toben. Und schon ist der neunjährige Aref ein Stückchen mehr integriert, lernt spielend die Sprache und hat die Chance, die traumatischen Erlebnisse aus seinem Heimatland zu verarbeiten.

Derweil tauschen Nils Jörn und Nabeer Tofig die Handynummern und verabreden sich zum gemeinsamen Schlittschuhlaufen in der Eishalle mit ihren Jungs.

Zusammen gebracht wurden die fünf Menschen durch die neue Wismarer Initiative „Integration à la Carte“. Ein Projekt unter dem Dach des Wismarer Netzwerkes für Willkommenskultur und dank ehrenamtlich Engagierter und der evangelischen Kirchgemeinde.

Ausgangspunkt ist der blaue Flyer mit Teller, Löffel und Gabel und der Idee, sich beim gemeinsamen Heringsessen oder Mokkatrinken kennenzulernen. Die Flyer mit den Informationen in deutsch, englisch und arabisch sind verteilt, 34 Wismarer und 19 Flüchtlinge haben sich über ihn bereits angemeldet. Wismars Kirchgemeindepädagogin Meike Schröder wirbt in der „Haffburg“ als zentrale Aufnahmestelle in Wismar für das Projekt. Sie „sortiert“ dann die angemeldeten Menschen zusammen, guckt, wo es vom Alter und den Hobbys beispielsweise passen könnte. Die Menschen mit dem gemeinsamen Nenner „verkuppelt“ sie und stellt den ersten Kontakt her. Was dann passiert, ist offen. „Hering am Hafen, Mokka am Markt oder Tiramisu im Tierpark“, lacht die Gestalterin Franka Severin. Mit ihrer Agentur „Lachs von Achtern“ hat sie ehrenamtlich Flyer, Plakate und Webseite für das Projekt gestaltet.

Integration und sich kennen lernen als bestes Mittel gegen Ängste und Vorurteile, die Plakate als sichtbares Zeichen gegen die braune Stimmungsmache. Die derzeitigen Flüchtlinge sollen nur der Anfang sein, genauso sollen Menschen mit Migrationshintergrund, die schon länger hier leben oder ausländische Studenten über die Kampagne erste Kontakte und Freunde finden.

Nils Jörn erklärt, wieso er mitmacht: „Meine Mutter war neun, als sie mit ihrer Mutter aus Stettin fliehen musste. Die beiden kamen auf Rügen an, hatten mit entfernt verwandten Familienmitgliedern zu sechst ein Zimmer auf einem Bauernhof. Frauen und Kinder mussten auf dem Hof helfen und haben dafür etwas zu essen bekommen. Ein Jahr später konnte meine Mutter wieder in die Schule gehen, mit Klasse eins bis sechs in einem Raum.

Bei einem 80-jährigen ehemaligen Lehrer, der über 70 Kinder gleichzeitig unterrichtet hat. Warum soll es diesem kleinen Jungen, den wir hier getroffen haben, nicht besser gehen? Er hat auf seiner langen Wanderung aus dem Iran vieles gesehen, was er nie wieder vergessen wird. Wenn man es den beiden hier ein bisschen schön machen kann, machen wir das jedenfalls gern!“ Seine Söhne sind begeistert und freuen sich auf die gemeinsamen Ausflüge und Spielenachmittage.

Mehr Informationen unter www.alacarte-wismar.de



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