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Gadebusch-Rehnaer Zeitung

26. September 2017 | 07:41 Uhr

selmsdorf : Ingenieur warnt vor Ausbau von Deponie

vom
Aus der Redaktion der Gadebusch-Rehnaer Zeitung

Der Grambower Umweltfachmann Ulrich Chilian spricht im SVZ-Interview von einem dubiosen Verfahren und kritisiert das Umweltamt

Bis 2016 soll der so genannte Altteil der größten Sondermülldeponie Europas, der IAG Selmsdorf, mit einer Abdichtung versehen werden. Sie soll das Eindringen von Niederschlagswasser verhindern. Anschließend ist geplant, dass ein weiterer Müllberg auf dem Altteil wächst. Laut Umweltingenieur Ulrich Chilian, der Mitglied der Grünen ist und sich im Bereich Abfallwirtschaft und Deponietechnik spezialisiert hat, ein „äußerst dubioses Verfahren“. Im Interview mit SVZ-Mitarbeiter Steffen Oldörp spricht Chilian über seine Bedenken.

Herr Chilian, warum ist das Verfahren, den Altteil mit einer Abdichtung zu versehen, aus Ihrer Sicht so gefährlich?
Chilian: Der Altteil stammt aus dem Jahr 1979. Er ist nie mit einer Basisabdichtung versehen worden. Das heißt, dass dort seit Jahrzehnten ungehindert große Mengen hochgiftige Sickerwässer in den Untergrund eintreten. Die Oberflächenabdichtung, die zurzeit aufgebracht wird, ist somit gleichzeitig die Basisabdichtung für den neuen Abfallberg. Ein technisches Verfahren, das – um es vorsichtig zu formulieren – zumindest unüblich ist.

Welche Bedenken haben Sie gegen das neue Abdichtungsverfahren?
Für mich ist der Müllberg noch für Jahrzehnte ein gigantischer chemischer Reaktor. Bei der hochbrisanten Mischung, die die bisherigen 17 Millionen Kubikmeter Haus- und Sondermüll darstellen, kann kein Mensch abschätzen, welche Reaktionen für wie lange in diesem Abfallberg stattfinden. Und auch nicht welche Reaktionsprodukte entstehen – zum Beispiel in Form von Sickerwässern und Deponiegasen. Und trotzdem soll auf diesem Reaktor, der deponietechnisch betrachtet im Grunde genommen ein Wackelpudding ist, eine neue Deponie, ein neuer Riesenabfallhaufen, draufgesetzt werden.

Was kann Ihrer Meinung nach schlimmstenfalls passieren?
Da gehört keine besondere Fachkenntnis zu, um sich auszumalen, was passiert: Der immer noch aktive Altteil wird zusammengepresst wie eine Zitrone. Die Sickerwässer werden dadurch vermehrt austreten und nur eine Richtung kennen: Nach unten, wo sie freie Bahn haben. Zusätzlich entsteht ein weiteres Problem und das zeigt, dass die Oberflächenbasisabdichtung nur Augenwischerei ist: Durch die zwangsläufige Verformung des Untergrundes des Altteils aufgrund der großen Auflast, wird die Oberflächenbasisabdichtung zerstört werden, da sie nur in einem sehr geringen Umfang Veränderungen der Auflagefläche folgen kann.

Was bedeutet das für die gefährlichen Sickerwässer?
Die neuen Sickerwässer wandern ungehindert bis zur Basis des Altteils und reagieren unterwegs mit den alten Säften, so dass eine hochbrisante Mischung in den Untergrund eintreten wird.

Könnte das gefährlich für die Grundwasserleiter werden?
Ja, und deshalb kritisiere ich auch das StaLU (Anm. d. Red.: Staatliches Amt für Landwirtschaft und Umwelt) in Schwerin. Es ist die Behörde, die dieses Verfahren genehmigt hat. Sie handelt – genauso wie die IAG – absolut inkompetent, fachfremd, fahrlässig und in höchstem Maße unverantwortlich. Und sie nimmt in Kauf, dass nicht nur umliegende Landstriche, sondern auch Anwohner gefährdet werden.

 

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