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Flucht in den Westen : Im Kofferraum über die Grenze

vom
Aus der Redaktion der Gadebusch-Rehnaer Zeitung

Während Jürgen Sparwasser 1974 das berühmteste Tor der DDR schoss, flüchtete der gebürtige Schweriner Roland Au in den Westen.

Es ist der 22. Juni 1974, ein Sonnabend, der für beide deutsche Staaten in die Geschichtsbücher eingehen wird. Die DDR spielt in der Vorrunde der Fußballweltmeisterschaft gegen den Gastgeber aus der Bundesrepublik Deutschland. Jürgen Sparwasser erzielt das legendäre 1:0. Die DDR jubelt, der Außenseiter gewinnt. Die Bundesrepublik wird trotzdem Weltmeister. Dem Grevesmühlener Roland Au ist das an diesem Abend egal, er will raus aus der DDR und steigt mit seiner späteren Frau Christel in den Kofferraum eines westdeutschen Autos. Fast wäre er von einem Volkspolizisten entdeckt worden. Aber der hat es eilig, will vor den Fernseher und Fußball schauen. Roland Au gelingt die Flucht aus der DDR.

Diese und viele andere Geschichten rund um die Flucht beschreibt der heute 70-Jährige in seinem Buch „40 000 für ein neues Leben“. Das ist jetzt im BellaVista-Verlag erschienen und zeigt, welche Strapazen und Gefahren die Flüchtlinge ertrugen, um ein neues Leben jenseits der Mauer anfangen zu können. „Ich möchte meine Erlebnisse unbedingt für die Nachwelt erhalten. Deshalb das Buch“, erklärt Roland Au.

Im Alter von zwei Jahren kam Au von seiner Geburtsstadt Schwerin nach Grevesmühlen. Im Großen Vogelsang fanden er und seine Mutter 1945 eine neue Bleibe, während der Vater noch mit dem Ende des Krieges zu tun hatte und in der Nähe Lübecks bleiben musste. Nach einem überdurchschnittlich guten Abitur weiß Au 1961 trotzdem nicht, was er jetzt machen soll: Förster schrieb er vor dem Abitur auf den Berufswunschzettel. Doch sein Klassenleiter rät ihm dazu, Medizinische Psychologie zu studieren, denn er sieht die wahren Fähigkeiten des späteren Arztes. Doch die einzige Universität für dieses Spezialgebiet in Jena lehnt seine Bewerbung ab. Ein Jahr soll Au warten und arbeitet fortan als Hilfspfleger in der Grevesmühlener Klinik am Vielbecker See. Erst 1963 wird der junge Mann endlich an der Humboldt-Universität in Berlin genommen, nachdem seine Unterlagen auf Umwegen von Jena nach Berlin gelangen. Bis 1969 studiert Roland Au dort Frauenheilkunde und lernt seine spätere Frau kennen - eine Begegnung, die sein ganzes Leben prägen sollte.

Denn die Freundin ist der treibende Keil in Sachen DDR-Flucht. Aber auch er selbst weiß keinen Ausweg mehr, als nach seinem Studium alle Bewerbungen abgelehnt werden und er nur dann eine Facharztausbildung bekommen soll, wenn er für mehrere Jahre zur Nationalen Volksarmee (NVA) geht. „Was sollte ich machen? Ich wollte doch Facharzt werden, aber ich habe nie verstanden, warum ich mich der NVA verschreiben musste, um eine Stelle zu bekommen.“ Er geht nach Torgelow ins Panzerregiment und wird Leiter des Medizinischen Stützpunktes. Nach einem Jahr darf er mit seiner Freundin in den Urlaub. Nach Bulgarien – eine Reise, die vielen DDR-Bürgern nicht zugestanden hatte, aber sein Leben verändern sollte.

Zunächst in Bulgariens Hauptstadt Sofia zwischengelandet, müssen die beiden in eine aus Westdeutschland kommende Lufthansa-Maschine umsteigen, um an den Goldstrand nach Varna zu kommen. Eine Situation, die sie zwei Jahre später wiederholen und ausnutzen wollen. „Wir waren so naiv und dachten, wenn wir wieder in die Maschine aus Westdeutschland kommen und wie auch immer einen Einreisestempel in einen gefälschten Pass bekommen, erkennt man uns als Westdeutsche und wir könnten ganz einfach in den Westen fliegen. Doch der abenteuerliche Plan, an dessen Ende die Verhaftung in Bulgarien und eine Odyssee bis in die Untersuchungshaft unter Stasibedingungen in der DDR steht, geht schief. Das Gefängnis ist die Folge. Dank der DDR-Amnestie am 6. Oktober 1972 aus Anlass des 23. Jahrestages der DDR kommen Roland Au und seine Freundin einige Woche später allerdings frei. Doch der Fluchtgedanke ist noch stärker geworden und so reift ein neuer Plan. Viele Unwegsamkeiten, Verrat und Angst um das eigene Leben bestimmen die nächsten Monate, in der weiter an einem Fluchtplan gearbeitet wird. Als es endlich so weit ist, scheint alles im letzten Augenblick aufzufliegen, doch dank des Fußballspiels hat es der Volkspolizist so eilig, dass Roland Au und seine spätere Frau Christel doch im Westen ankommen. Der Preis für die Flucht: 40 000 Mark.

Wer die spannende Fluchtgeschichte lesen und sich über die Machenschaften der DDR und seiner Staatssicherheit informieren will, kann das Buch beim BellaVista-Verlag unter der ISBN-Nummer 978-3-937617-55-8 kaufen oder per E-Mail unter order@bellavista-verlag.de eine Bestellung aufgeben.


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erstellt am 03.Jan.2014 | 00:00 Uhr

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