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Gadebusch-Rehnaer Zeitung

12. Dezember 2017 | 03:53 Uhr

Dreigroschenoper : Huren und Mörder in der Kirche

vom
Aus der Redaktion der Gadebusch-Rehnaer Zeitung

Hamburger Ensemble „Bittersüß“ entführte die Besucher in Rehna in Bertolt Brechts Rotlicht-Milieu

Wer am Samstag Open Air plante, brauchte angesichts der Unwetterwarnung ein wasserdichtes und sturmfestes Ausweichquartier. Für die Aufführung der „Dreigroschenoper“ im Nonnengarten des Rehnaer Klosters bot sich die Kirche an. Auch wenn die Thematik des Stückes dafür ein wenig pikant war.

Die 1928 uraufgeführte Oper mit Texten von Bertolt Brecht und der Musik von Kurt Weill spielt im Londoner Gangster- und Rotlicht-Milieu. Und die Aufführung des Kleinkunst-Ensembles „Bittersüß“ aus Hamburg ließ daran keinen Zweifel. Als Suntje Freier alias Bettlertochter und Prostituierte Polly Peachum ihren frischgebackenen Ehemann vor dem Rehnaer Altar flachlegt, liegt ein gewisses „shocking“ in der Luft. Denn Tom Keitel als Gangsterboss, Mörder und Zuhälter Mackie Mackeath, besser bekannt als Mackie Messer, muss dafür die Hosen runter lassen. Jedenfalls die langen.

„Bis zum Nachmittag haben wir gewartet“, sagt Burkhard Schmidt vom Klosterverein, „dann wurde es uns zu riskant für die Freilichtbühne.“ Eine Kirche hat eine andere Akustik, andere Beleuchtungskriterien. Bernhard Weber, Kopf des Ensembles: „Für uns war das eine echte Herausforderung.“ Mit ihm als Jonathan Peachum, Ehefrau Gunda (Celia Peachum) und Sohn Matthias (Tiger Brown, Moritatensänger und Kleingangster) stellt Familie Weber gleich die Hälfte der Besetzung. Die andere Hälfte: Tom Keitel als Mackie Messer, Suntje Freier als Polly und Jenny, Claudia Christiane Goldbach als Lucy Brown.

Die Thematik ist nicht weniger aktuell als zu Zeiten der Uraufführung. „Erst kommt das Fressen, dann die Moral“ ist einer der Leitsätze. Die Dreigroschenoper, keine Oper im eigentlichen Sinne, sondern ein Singspiel, war Brechts Antwort auf Korruption und Armut, auf Geldgier und Kriminalität in Nadelstreifen. Gebt den Armen genug zu essen und etwas Wohlstand, dann werden sie nicht kriminell, lautet eine weitere Botschaft. Damit wurde das Singspiel – heute würde es als Musical bezeichnet – in der Krisenzeit der Weimarer Republik bis 1933 das erfolgreichste Stück Deutschlands. Mit Balladen wie die „Moritat von Mackie Messer“, „Seeräuber-Jenny“ oder „Kanonensong“, die vielen bis heute bekannt sind.

Mackie Messer, der Londoner Gangsterboss und Zuhälter, kleidet sich fein, ist aber ein übler Schwindler, Einbrecher und Mörder. Vor dem berüchtigten Londoner Gefängnis Old Bailey bewahrt ihn nur das gemeinsame Soldatentum mit dem Chef von Scotland Yard, „Tiger“ Brown. Was ihn nicht daran hindert, dessen Tochter Lucy zu schwängern.

Mackie kommt den Geschäften von Bettlerkönig Jonathan Jeremiah Peachum und dessen Frau Celia in die Quere, als er deren Tochter Polly heiratet. Peachum heuert Spelunken-Jenny an, die ihren Ex-Zuhälter Mackie gegen Geld an den Galgen liefert. Im droht der Strick, aber am Ende wird er begnadigt und geadelt. Und die Moral von der Geschicht: Trau den Nadelstreifen nicht.

Eine gelungene Kleinkunst-Version von Brechts bekanntestem Stück. In den letzten Reihen mussten die Zuschauer es allerdings kennen, um die Handlung zu verstehen, denn der Text fiel häufig der Kirchenakustik zum Opfer.  


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