Mauerfall vor 25 Jahren : „Hoffentlich schießen sie nicht“

Teilnehmer berichteten über eigene Erfahrungen. Fotos: Patricia Lösche
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Teilnehmer berichteten über eigene Erfahrungen. Fotos: Patricia Lösche

Ortschronisten aus Nordwestmecklenburg und Lauenburg erinnerten an den Mauerfall vor 25 Jahren

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25. November 2014, 00:53 Uhr

Chronisten stöbern in Archiven und Schuhkartons nach Zeugnissen der Vergangenheit, sprechen mit Zeitzeugen und befragen Nachbarn, um dem Gestern und Vorgestern ein Gesicht zu geben. Unter dem Motto „Ein Vierteljahrhundert Grenzöffnung“ trafen sich Chronisten aus Nordwestmecklenburg und dem Herzogtum Lauenburg in Schlagsdorf zum ersten gemeinsamen Gedankenaustausch. „Für ihr Engagement haben sie meine Hochachtung“, betonte Landrätin Kerstin Weiss ihre Wertschätzung lokaler Geschichtsschreibung. Zusammen mit Kreispräsident Meinhard Füllner (Landkreis Herzogtum Lauenburg) und Anne Drescher, Landesbeauftragte für Stasi-Unterlagen in Mecklenburg-Vorpommern, begrüßte sie die zahlreichen Teilnehmer der Tagung.

Als Renz Waller am 12.11.1989 mit seiner neuen Super-8-Kamera die Grenzöffnung in Mustin festhielt, fühlte er sich nicht als Chronist. „Es waren Familienaufnahmen, mehr nicht.“ Der damals entstandene Amateurfilm schickte die Teilnehmer für Momente zurück in die Emotionalität der damaligen Ereignisse. Man roch förmlich das Zweitaktgemisch, hörte den Jubel. „Alles ist sofort präsent, wenn man die Bilder sieht, auch nach 25 Jahren“, fand Anne Drescher.

In ihrem Vortrag korrigierte sie die Erinnerungsschieflage in der Chronologie der Ereignisse. „Leipzig gilt als die Urzelle der Demonstrationen – weil dort die Kameras der Medien eingeschaltet waren.“ Tatsächlich habe die erste große Demonstration auf DDR-Boden in Plauen stattgefunden. Die Polizei wurde mit den 20000 Demonstranten nicht fertig, habe die Demonstration nicht auflösen können. „Den aufrechten Gang gab es auch im Norden der DDR, von der ersten Stunde an.“

In weiteren Vorträgen berichtete unter anderem der ehemalige Grenzschutzbeamte Wolfgang May von der Kommunikation zwischen den Grenzschützern hüben und drüben. Sprach Grenzhus-Leiter Dr. Andreas Wagner über Mahnmale gegen das Vergessen entlang des ehemaligen innerdeutschen Bollwerks. „Das Naturschutzgebiet im Verlauf der alten Grenze ist auch ein stummer Zeuge grenzbezogener Vergangenheit.“ Als Narbe müsse die Grenze sichtbar bleiben, ergänzte Meinhard Füllner. Politikwissenschaftlerin Dr. Sandra Pingel-Schliemann erinnerte an den schwierigen Alltag im Schlagschatten der deutsch-deutschen Demarkationslinie, an die Grenztoten. Christine Woest stellte die Ortschronik von Selmsdorf vor, der Historiker Dr. Carsten Walczok berichtete von der wissenschaftlichen Aufarbeitung persönlicher Erinnerungen.

Aber Ortschronisten sind selten Profis. Das macht ihre Form der Geschichtsschreibung so authentisch. Grenzschützer May hatte vieles aus der Zeit vor 1989 schon vergessen. „Es war mein Job, rein berufliches Interesse. Wir dokumentierten alles mit der Kamera.“ Mit der Grenze schwand sein Interesse daran. Erst das Lesen alter Aufzeichnungen rief Details des Arbeitsalltags entlang der Mauer, Westseite, wieder ins Gedächtnis zurück. „Ich lernte aus meinen eigenen Unterlagen.“ Mit dem Blick zurück wollte er wissen, wie es war, das Leben rechts und links der Grenze.
Ortschronist Walter Gaida aus Lützow erinnert sich dagegen nur zu gut an die Anspannung im November vor 25 Jahren. „Wir hatten nur einen Gedanken: Hoffentlich schießen sie nicht.“ Auf die Beschäftigung mit dem Thema kam er durch die Fragen seiner Enkel. „Es ist wichtig, dass nicht alles vergessen wird, was die Menschen um einen herum erlebt haben. Vor der Maueröffnung war das schwierig, es gab viel Nachholbedarf.“

Cordula Bornefeld aus Ratzeburg, Leiterin des Kreisarchivs Herzogtum Lauenburg dokumentierte Erinnerungen von Lauenburgern an die November-Ereignisse 1989 in einem Buch. Über die Presse hatte sie nach Zeitzeugen gesucht. „Weniger als Archivarin, sondern als Chronistin.“

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