Wismar : Hoffen auf eine Zukunft in Frieden

Said Mir Mir Azgar betätigt sich im Altenheim
Said Mir Mir Azgar betätigt sich im Altenheim

Flüchtling aus Afghanistan ist die gute Seele im Wismarer Seniorenheim und wartet auf eine Arbeitserlaubnis

svz.de von
21. September 2015, 00:49 Uhr

Said Mir Mir Azgar will nur eins: in Frieden und ohne Angst leben und arbeiten dürfen. Der junge Mann aus Afghanistan war 18 Jahre alt, als er aus der Heimat floh. Der Vater starb, als Said wenige Monate alt war, die Mutter, als er 13 war. Dem Bruder wollte er nicht zur Last fallen. Also riskierte er die gefährlichste Reise seines Lebens.

Wenn Said Mir Mir Azgar von seiner Flucht erzählt, wird das Unfassbare aus den täglichen Nachrichten greifbar. Wenn auch nicht fassbar für einen Menschen aus gut bürgerlichen, aus sicheren Verhältnissen. Es erschlägt einen.

Er erzählt von bloßer Gewalt, von Blut, von nächtlichen Verfolgungsjagden mit der Polizei und dem Gefühl, im engen, beladenen Lkw-Container auf der Fähre zusammengepfercht mit 25 anderen Flüchtlingen irgendwo zwischen Griechenland und Italien einfach zu ersticken an Luftmangel und Benzingestank. Fünf Tage ohne Licht, mit einem kleinen Luftloch und Todesangst. Mit Händen und Füßen beschreibt er, wozu die Worte nicht mehr reichen. „Es macht mich traurig, über die Zeit zu reden, der Weg war schwer“, erzählt er im fast perfekten Deutsch. Mehr tot als lebendig haben die Schlepper ihn an einer deutschen Autobahn aus dem Lkw geworfen, damit er schnell weg rennt und die Schlepper nicht erwischt werden. Drei Monate lang dauerte seine Flucht über den Iran, Griechenland, Italien, Frankreich, bis nach Deutschland. Am 2. Juli 2010 hat er sich bei der Polizei in Köln gemeldet, über viele Stationen ist er nach Wismar gekommen - ohne Familie, ohne Freunde, als 18-Jähriger auf einer traumatisierenden Flucht.

In Deutschland begann sein Kampf mit den Ämtern. „Ich bin nur geduldet“, erzählt er und versucht, das Unbeschreibbare zu beschreiben. Das Gefühl, jederzeit abgeschoben zu werden in ein Land, das seinen Tod bedeutet. „Ich kann nicht gut schlafen, ich warte darauf, dass die Polizei kommt und mich abholt. Wenn ein Brief kommt, habe ich Angst, ihn zu öffnen.“ Seit den fünf Jahren geht das so. Nun hofft er auf das Gesetz, dass geduldete Flüchtlinge einen Aufenthaltsstatus bekommen sollen, wenn sie gut integriert sind.

„Das bin ich“, nickt er traurig. Und wäre es gerne noch viel mehr. Nach eineinhalb Jahren Deutschkurs hatte er eine Ausbildung in Gägelow angefangen. Die musste er abbrechen. Wer nur geduldet ist, durfte (damals) nicht arbeiten. „Also habe ich mir gesagt, ich mache einen Bundesfreiwilligendienst, das ist freiwillig und keine Arbeit, das können sie mir nicht verbieten“, schmunzelt er. Seit November 2014 engagiert er sich so im Wismarer Seniorenpflegeheim St. Martin. Einrichtungsleiterin Beate Baar ist begeistert: „Wir sind so froh, dass wir ihn haben!“ Mit den Senioren spielt er Gesellschaftsspiele, gestaltet den Alltag und hilft, wo er kann und darf. Er nutzt das Freiwilligenjahr, um sein Deutsch im täglichen Gespräch mit den Bewohnern weiter zu perfektionieren.

Mit geänderten Gesetzen dürfte er inzwischen auch eine Ausbildung anfangen und arbeiten. Aber mit dem Risiko der Abschiebung will ihn niemand als Lehrling einstellen. Der Job als Restaurantfachmann ist noch in weiter Ferne. Selbst für seinen Bundesfreiwilligendienst musste er viele Bewerbungen schreiben und bekam sehr viele Absagen. Dabei will Said Mir Mir Azgar nur arbeiten. „Ich möchte nicht zu Hause sitzen, nur essen und das Geld vom Amt nehmen. Ich möchte arbeiten und für mich selbst sorgen können!“

Ein Kampf mit den deutschen Ämtern, nachdem er den unmenschlichen Kampf mit den Schleusern und dem Schicksal gewonnen hat. „Ich habe in der Zeit in Deutschland meine ersten grauen Haare bekommen“, erzählt der 23-Jährige weiter vom Gefühl, durch die Duldung wie ein Vogel im Käfig zu sitzen. Er lebt, er isst, er macht was, aber er ist nicht frei. „Ich habe mir nie etwas zu schulden kommen lassen, ich lerne die Sprache und arbeite, ich helfe gerne den Menschen hier, ich bin glücklich mit den Mitarbeitern. Wieso machen die Ämter mich so kaputt?“ Sein Schicksal, wenn er zurück nach Afghanistan muss, kennt er. „Dann bin ich in zwei Tagen tot.“ Aber das scheint nicht zu reichen, um als Flüchtling anerkannt zu werden.

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