Wismar : Gewerkschaft bestreikt Klinikum

Mehr als 60 Pfleger und Krankenschwestern waren aufgerufen, die Arbeit am Sana Hanse-Klinikum niederzulegen. Ivo Garbe (l.) vom ver.di-Fachbereich Gesundheit und Soziales aus Schwerin gab den Ton vor. Fotos: Holger Glaner
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Mehr als 60 Pfleger und Krankenschwestern waren aufgerufen, die Arbeit am Sana Hanse-Klinikum niederzulegen. Ivo Garbe (l.) vom ver.di-Fachbereich Gesundheit und Soziales aus Schwerin gab den Ton vor. Fotos: Holger Glaner

Ziel ist laut ver.di die Aufnahme von Tarifverhandlungen und darüber hinaus die Aussendung eines politischen Signals

svz.de von
19. September 2017, 21:00 Uhr

Streik am Sana-Hanse-Klinikum Wismar: Mehr als 60 Pfleger und Krankenschwestern waren heute aufgerufen, über mehrere Stunden die Arbeit niederzulegen und so auf den dortigen Personalnotstand aufmerksam zu machen. Die Dienstleistungsgesellschaft ver.di hatte den Streik am Montag überraschend angekündigt. Ziel war die Aufnahme von Tarifverhandlungen zwischen Geschäftsführung und ver.di zur Einführung von Personaluntergrenzen an dem größten Maximalversorger im Nordwestkreis.

Thomas Groß ist Krankenpfleger im Bereich Chirurgie und Urologie. „Einige von uns pfeifen bereits auf dem letzten Loch. Immer wieder erlebe ich es, wie gestandenen Kolleginnen nach ihrem Dienst weinend die Station verlassen, weil sie genau wissen, dass sie ihre Arbeit nicht vernünftig machen können“, sagt der 43-Jährige. Erholungsphasen gebe es kaum noch. Kollegen, die eigentlich frei hätten, würden immer wieder telefonisch angefragt, ob sie kurzfristig zusätzliche Dienste übernehmen könnten. Grund sei aus seiner Sicht zu wenig Personal, insbesondere zu wenig examinierte Vollzeitkräfte.

Das Problem ist bekannt und ein bundesweites. Deshalb hatte das Bundeskabinett im April dieses Jahres eine entsprechende Regelung zur Einführung von Personaluntergrenzen auf den Weg gebracht. Die konkreten Regelungen, die auf Empfehlungen einer Expertenkommission zurückgehen, sollen bis zum 30. Juni 2018 vereinbart und zum 1. Januar 2019 umgesetzt werden.

Warum aber hatte die Gewerkschaft denn überhaupt noch zum Streik aufgerufen? Steffen Kühhirt, Verhandlungsführer bei ver.di: „Für uns ist das nur eine politische Willenserklärung. Wer weiß, ob eine neue Bundesregierung dies angehen und umsetzen wird. Deshalb fahren wir lieber zweigleisig und drängen auf eine tarifliche Lösung.“

Bereits nach Bekanntwerden des geplanten Warnstreiks hatte Michael Jürgensen als Geschäftsführer des Sana Hanse-Klinikums der Gewerkschaft vorgeworfen, kurz vor den Bundestagswahlen am kommenden Sonntag noch einmal gezielt Stimmung machen zu wollen. Und er fand Befürworter, und das ausgerechnet bei den Arbeitnehmervertretern. „Wenn wir politisch etwas bewegen wollen, dann doch vor und nicht nach der Wahl. Das ist doch klar“, sagt Steffen Kühhirt. Dieser Warnstreik sei ein nach allen demokratischen Spielregeln politisches Signal vor der Bundestagswahl.

Für die Klinikleitung macht der Streik absolut keinen Sinn. Michael Jürgensen: „Das Ganze ist in sich doch ein wahnsinniger Widerspruch: Die Gewerkschaft spricht einerseits von Fachkräftemangel und fordert andererseits eine Mindesbesetzung von Stellen. Wie sollen wir das bei dem anhaltenden Fachkräftemangel denn umsetzen?“  

Kommentar des Autors: Ein schlimmer Verdacht
Dass Arbeitnehmer für ihre Rechte kämpfen dürfen ist eine Errungenschaft. Dass sie sich dabei von Gewerkschaften unterstützen lassen, legitim. Bei dem Warnstreik am Sana Hanse-Klinikum Wismar drängt sich mir allerdings ein schlimmer Verdacht auf. Hier ging es meines Erachtens nicht primär um die Durchsetzung der Interessen der betroffenen Pflegekräfte. Die Einführung von Personaluntergrenzen ist doch ohnehin durch die bestehende Bundesregierung in Auftrag gegeben worden. Ich denke, es geht um nichts anderes als Demonstration von Macht. Oder – um in der ver.di-Sprache zu bleiben – um ein politisches Signal. Dafür bediente sich die Gewerkschaft heute ganz unverhohlen ihrer eigenen Mitglieder – und damit derer, für die sie eigentlich da sein sollte und nicht umgekehrt.
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