Schönberg : Gewalt und Tod auf dem Handy

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Aufnahmen von Suizid erschrecken Grundschüler / Schulsozialarbeiterin gibt Tipps zum Umgang mit Videos und Fotos aus dem Internet

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25. März 2015, 21:00 Uhr

Süße Kätzchen, schlafende Hunde oder witzige Pannenvideos – im Internet gibt es unzählige Filme, die sich Kinder und Jugendliche gerne über ihre Smartphones ansehen und untereinander tauschen.

In Schönberg allerdings machten jetzt schockierende Aufnahmen die Runde: Schulkinder hätten aus dem Bus heraus mit ihren Handys festgehalten, wie ein Mann an einer Eisenbahnbrücke Suizid beging. Was klingt, wie aus einem Horror-Film, ist Realität, wie André Falke von der Polizeiinspektion Wismar bestätigt. „In der vergangenen Woche erhängte sich ein Mann am Mittwochnachmittag an der Bahnüberführung der Strecke Schönberg-Herrnburg.“

Besorgte Eltern informierten unsere Zeitung, dass der Schulbus zu jenem Zeitpunkt über diese Brücke fuhr und die Kinder Aufnahmen von dem Toten gemacht hätten. Diese seien durch eine Nachrichten-App unter den Schülern weitergeleitet und ausgetauscht worden. Zu Hause hätten die Kinder dann von den schrecklichen Aufnahmen berichtet.

An den Schönberger Grundschulen herrscht Betroffenheit. Auf Nachfrage erklärte einer der Schulleiter, dass sofort Gespräche zu den Schülern gesucht wurden, die zwar die Aufnahmen nicht selbst gemacht, aber das Material zu Gesicht bekommen hätten. „Es herrschte große Unsicherheit, ob es sich dabei um Fälschungen aus dem Internet oder reale Bilder handelte“, heißt es.

Gleichzeitig seien Fragen bei den Grundschülern aufgekommen, warum jemand den Freitod wählt. Andere Schüler zeigten Unverständnis, warum überhaupt jemand mit seinem Handy Aufnahmen des Mannes machte.

In einem äußerst sensiblen Rahmen seien Gespräche auch zu den Eltern gesucht worden. „Was passiert mit einem zehnjährigen Kind, wenn es so etwas sieht, ohne es sehen zu wollen“, fragt eine Mutter und spricht damit die Unsicherheit aus, die ihr und auch anderen Eltern in den Köpfen steckt.

Die Gadebuscher Schulsozialarbeiterin Judith Keller rät, in jedem Fall ein offenes Gespräch mit den Kindern zu suchen. „Wenn die Kinder von Ungewöhnlichem in der Schule berichten, sollten die Eltern mit offenen Ohren hinhören“, sagt die 50-Jährige.

Im Fall der Handy-Aufnahmen in Schönberg empfiehlt sie Eltern, sich die Fotos oder Videos allein anzusehen und dann alle Aufnahmen zu löschen. „Danach sollte man unbedingt an die Kinder herangehen und nachhaken, wie sie sich fühlen. Oft haben Kinder innerlich eigene Bilder von Erlebtem im Kopf.“ Weiterhin rät die Expertin, dass Eltern gegenüber den Kindern nichts schön reden, sondern die Realität kindgerecht erklären sollten.

Dass sich besonders im Internet Realität und Fiktion vermischen, kann Judith Keller aus ihrer täglichen Arbeit selbst berichten. Vor wenigen Jahren hätten Schüler an einer Gadebuscher Schule Gewaltszenen inszeniert und davon einen Film auf eine Videoplattform im Internet gestellt. „Schüler kamen verängstigt zu mir, als sie in dem Video sahen, wie ein Mitschüler verprügelt wird und dachten, es sei real“, erzählt die Schulsozialarbeiterin. Die Verantwortlichen konnten schnell ausgemacht und das gefälschte Video als solches enttarnt werden. „Es ist aber ein immenser Rattenschwanz, ein Video aus dem Internet zu löschen, wenn es einmal erst geteilt wurde“, so die 50-Jährige.

Warum Kinder und Heranwachsende mit den neuen Technologien Gewalt und Tod festhalten, erklärt Judith Keller mit den Einflüssen durch Videospiele und Fernsehen. „Viele Kinder sind abgestumpft. Sie nehmen die Realität zwar wahr, aber durch unzählige Gewaltdarstellungen verroht die Gesellschaft“, sagt sie.

Im Schönberger Fall plane eine der Schulen, die Polizei in den Unterricht zu integrieren und Kinder über richtiges Verhalten im Internet und gegenüber Gewalttaten aufzuklären.

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