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Weniger Nachfrage nach Getreide : Getreide-Poker bei den Landwirten

vom
Aus der Redaktion der Gadebusch-Rehnaer Zeitung

Gesunkene Nachfrage bei Weizen und Gerste sorgt für niedrige Weltmarktpreise und volle Lager bei Bauern und Agrarhandel

von
erstellt am 01.Feb.2017 | 08:00 Uhr

Das frische Getreide steht schon auf dem Halm, aber die Lager mit der Ernte aus dem vorigen Jahr sind noch gut gefüllt, berichtet der Vorsitzende des Kreisbauernverbandes Nordwestmecklenburg und Leiter der Agrar AG Gadebusch, Jörg Haase. Und auch Reinhard Drews von der Agrargenossenschaft Köchelstorf spricht davon, dass 25 Prozent des weltweiten Bedarfs als Lagerbestände vorhanden sind. „Dementsprechend niedrig sind die Preise. Beim Weizen liegen sie derzeit bei 16 Euro pro Doppelzentner (das sind 100 Kilogramm) für die beste Qualität“, berichtet der Genossenschaftsvorsitzende. Diese hätten schon mal bei knapp dem Doppelten, nämlich bei 28 Euro je Doppelzentner gelegen.

Dafür gibt es nach Ansicht der Bauern viele Gründe: Zum einen sei die Nachfrage durch die kriegerischen Auseinandersetzungen in Nordafrika drastisch zurückgegangen. Auch das Embargo gegen Russland und die Erhöhung der Produktion in Osteuropa schlagen zu Buche. „Es gibt zum anderen aber auch hausgemachten Nachfragerückgang - beim Futtergetreide“, erklärt der Köchelstorfer. Schuld daran sei unter anderem der drastische Abbau der Milchviehbestände durch den Milchpreisverfall. „Laut Landeskontrollverband haben allein in unserem Bundesland 59 Betriebe im Jahr 2015 und 61 Betriebe im Jahr 2016 dicht gemacht“, so Drews. Im Oktober 2016 hätten mit 159 693 Tieren exakt 14 025 Kühe weniger in den Ställen des Landes gestanden als im Oktober des Vorjahres. Das sei ein Rückgang von fast neun Prozent. Und mit der sinkenden Anzahl an Milchkühen sind die Anzahl der Kälber und damit auch die Tiere für die Fleischproduktion rückläufig.

Die Agrargenossenschaft Köchelstorf hat mittlerweile ihre 8500 Tonnen Getreide verkauft, die nun nach und nach aus den Lagerhallen abgeholt werden. „Ich glaube nicht, dass die Preise in nächster Zeit signifikant steigen werden und denke, dass wir den Umständen entsprechend gut verkauft haben“, schätzt Reinhard Drews ein.

Dass die Lager bei den Bauern noch so voll seien, kann Sandro Glückert von ATR, einem der Agrargroßhändler im Norden mit Sitz in Ratzeburg nur bedingt bestätigen. „Bei Weizen sind es nur noch 30 Prozent, bei Gerste sogar nur zehn bis 15 Prozent, die noch nicht verkauft sind“, sagt der Getreidehändler. Das seien diejenigen, die noch auf steigende Preise warten. Auch aus seiner Sicht wird das aber in absehbarer Zeit nicht passieren. „Wir hatten im zurückliegenden Jahr fast überall gute bis Rekordernten: in den USA, Russland, dem Baltikum. Nur in Frankreich und Deutschland war die Ernte schlecht“, so Glückert. So sei zum Beispiel auch im Iran, das in der Vergangenheit ein guter Abnehmer gewesen sei, die Weizenernte so gut gewesen, dass sie aktuell komplett wegfallen als Importland. Auch die Unterschiede bei den Währungen sorgten dafür, dass die Nachfrage nach Getreide aus Deutschland nicht immer kontinuierlich hoch sei. ATR exportiert jährlich rund eine Million Tonnen. „Generell haben wir aktuell weltweit mehr produziert, als nachgefragt wird“, resümiert der Agrarhändler.

Dem widerspricht Kreisbauernchef Haase: „Solange Menschen auf dieser Welt hungern, haben wir keine Überproduktion. Ich plädiere dafür, dass sich die Politik nicht so viel in die Produktion einmischt. Sondern dafür sorgt, dass der Handel gerechter wird.“

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