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Gadebusch-Rehnaer Zeitung

23. November 2017 | 01:18 Uhr

Utecht : Geschichte auf Leinwand

vom
Aus der Redaktion der Gadebusch-Rehnaer Zeitung

Vortrag: Erinnerungen an das historische Gestern und Vorgestern zum 25-jährigen Jubiläum des Mauerfalls

Horst Kömme interessierte sich schon immer für das Geschehen um ihn herum. „Ich habe nebenberuflich für verschiedene Lokalredaktionen geschrieben“, erzählt der heute 80-jährige Rentner, während er den Computer für seinen Vortrag einrichtet. Im Laufe der Zeit hat sich einiges an Bildmaterial angesammelt, historisch wie aktuell, von dem andere heute bei seinen Vorträgen profitieren.

Nun bekamen die Bewohner von Utecht und den umliegenden Dörfern Gelegenheit, mit ihm einhundert Jahre Geschichte der Dörfer Utecht, Campow, Neuhof und Hohenleuchte nachzuerleben. Eingeladen ins Utechter Dorfgemeinschaftshaus hatte die Gemeinde im Rahmen der Veranstaltungen zum 25-jährigen Jubiläum des Mauerfalls. Auf historischen Postkarten grüßten Ausflugsziele, Gasthäuser und Pensionen von der Ostseite des Ratzeburger Sees, die noch heute Besuchermagnet wären. Die meisten von ihnen sind lange verschwunden, viele in den 1960er und 1970er Jahren geschleift, ganz Neuhof verschwand 1977, um DDR-Bürgern die Flucht in den Westen über den See unmöglich zu machen.

Bei Campow folgte die Grenze direkt dem Straßenverlauf nach Utecht. „Wer hier nach feuchtfröhlichen Abenden durch die Nacht marschierte, für den gabs nicht selten polizeiliche Schuhkontrolle“, erinnert sich Bürgermeister Andreas Spiewack. So konnte festgestellt werden, ob die nächtlichen Fußgänger nicht eventuell die Grenze überschritten hatten.

Ur-Utechter Spiewack, Jahrgang 1968, erzählt: „Vor 1990 war ich nie in Campow gewesen. Denn dazu brauchte man einen Passierschein.“ Heute ist das kaum mehr zu glauben. Den Alteingesessenen sind die Geschichten vertraut. Sie erkennen so manches verschwundene Gebäude der Kindheit. Viele von ihnen wohnen schon ein Leben lang in der Gemeinde.

Traute Schieweck kam 1945 als sechsjähriges Flüchtlingskind mit ihren Eltern aus Elbing nach Utecht, heiratete einen Utechter. Die schöne Strandhalle, gleich mehrfach in Kömmes Vortrag zu sehen, war wegen ihrer Lage direkt am Wasser ein beliebtes Ausflugsziel. Das Gebäude stand oberhalb der Badestelle und man hatte – das zeigen die Bilder – von dort einen wunderbaren Blick über den See. Für Traute Schieweck ist sie fest verknüpft mit Jugenderinnerungen: „Wir waren zu jung, wir durften nicht rein. Aber heimlich sind wir durch den Hintereingang und haben dann doch mitgetanzt. Das war herrlich.“ In den 1960-ern wurde das imposante Gebäude wegen seiner Seenähe dem Erdboden gleich gemacht.

„Heute kennt man kaum noch jemanden hier“, sagt Schieweck und sieht sich um. Der Saal ist voll. Zusätzliche Stühle mussten geholt, Tische als Sitzgelegenheit genutzt werden. Die Gemeinde ist gewachsen. Seit der Grenzöffnung hat sich die Zahl der Bürger fast vervierfacht. „Campow hat heute gut hundert, Utecht um die vierhundert Einwohner, wenn auch nicht alle mit Erstwohnsitz“, so Spiewack.

Aus ganz Deutschland kamen Neubürger hinzu, sogar aus Bayern. Kerstin Houdelet kam 1998 nach Utecht. „Es ist immer wieder interessant, die Geschichte seines Wohnortes nachzuleben. Auch unser Leben heute wird einmal ein Bildervortrag sein. Wir müssten unseren Alltag viel mehr dokumentieren“, findet die Erzieherin.

Die Erinnerungen an das historische Gestern und Vorgestern sorgten für ein vielstimmiges Weißt-du-noch. Bilder wurden abgesucht nach dem jugendlichen Alter bekannter Personen. Die geteilte Brücke über die Wakenitz bei Rothenhusen war ebenso wieder präsent wie die fröhlichen DDR-Grenzer wenige Tage vor Öffnung des bis dahin hermetisch abgeriegelten Übergangs. „Für uns öffnete sich der Schlagbaum am 12. April 1990 um 17 Uhr“, sagt Spiewack und kündigt an: „Wir werden das vollendete Vierteljahrhundert am 12. April mit einem Sternmarsch zur Brücke feiern.“

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