Geschleiftes Grenzdorf Dutzow : Gedenkstein gegen das Vergessen

Hans-Jürgen Hoffmann ist in Dutzow aufgewachsen, sammelt Erinnerungen an das geschleifte Grenzdorf und möchte mit einem Gedenkstein sowie Schautafeln an die Geschehnisse um die Jahre 1973/1974 erinnern.
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Hans-Jürgen Hoffmann ist in Dutzow aufgewachsen, sammelt Erinnerungen an das geschleifte Grenzdorf und möchte mit einem Gedenkstein sowie Schautafeln an die Geschehnisse um die Jahre 1973/1974 erinnern.

Vor 37 Jahren wurde ein Teil des Dorfes Dutzow im ehemaligen Grenzstreifen zwischen DDR und BRD dem Erdboden gleichgemacht

svz.de von
02. April 2017, 05:00 Uhr

Knapp 50 Einwohner, moderne Einfamilienhäuser, ein See mit ausgezeichneter Wasserqualität, jede Menge Natur. Idylle pur im ehemaligen Grenzgebiet zwischen der DDR und der BRD. Nur ein ehemaliger Stall, der heute als Speicher genutzt wird, deutet auf die bewegte und bewegende Vergangenheit des Örtchens Dutzow in der Gemeinde Kneese hin, an die künftig ein Gedenkstein erinnern soll. Der im Volksmund „Grenzdorf“ genannte Teil des Ortes wurde vor 43 Jahren auf Geheiß der DDR-Regierung geschleift, also dem Erdboden gleichgemacht. Das neugotische Herrenhaus, das die Einheimischen gern als Schloss bezeichnen, inklusive. Der einzige Grund: Der Ortsteil befand sich zu dicht an der Grenze zur BRD.

„Das Irre daran ist, dass Schloss, Stallanlagen und Häuser ein paar Jahre zuvor noch saniert worden waren. Sogar eine Kläranlage wurde eigens gebaut, damit alles schick aussieht. Und dann mussten wir miterleben, wie einfach alles abgerissen wurde“, erinnert sich der Bürgermeister von Kneese, Hans-Jürgen Hoffmann. Die unmittelbar am Grenzgraben gelegenen Häuser mussten 1973 dem Abbruchprogramm der Genossen weichen, das heute fast vergessene Schloss verschwand im Frühjahr 1974 aus der Grenzlandschaft. Die Grenzanlagen wurden daraufhin erneuert. Und dabei hatte noch kurz zuvor ein in Richtung BRD aufgestelltes Schild den Westdeutschen erklärt, wie gut es den Bürgern auf der anderen Seite gehen würde.

Nun soll ein Gedenkstein an das geschleifte „Grenzdorf“ erinnern. „Eine Einwohnerin möchte die Kosten dafür tragen“, freut sich der heute 55-jährige in Dutzow aufgewachsene Hoffmann. Da die Dame allerdings kein Aufhebens um die Sache machen möchte, soll ihr Name geheim bleiben.

Ein Grenzstein gegen das vergessen. Doch nicht nur das. Erst vor wenigen Tagen kam Hoffmann die Idee, zusätzlich einige Schautafeln aufstellen zu lassen. Diese sollen an die früheren Bewohner des geschleiften Ortes, an das neugotische Schloss inklusive Wirtschaftshaus, Schmiede, Schaf- und Pferdestall sowie Speicher und Forsthaus erinnern. Finanzieren will Hans-Jürgen Hoffmann dies möglichst über Fördermittel. Vorher muss allerdings noch die Gemeindevertretung dieser Idee zustimmen. Der Kulturausschuss hätte bereits Zustimmung signalisiert. Der Kneeser Bürgermeister ist optimistisch: „Das sind immerhin schon mal drei von sieben Gemeindevertretern.“

„Schleifen“

Schleifen bedeutet so viel wie etwas niederreißen, dem Erdboden gleichmachen. Im Mittelalter wurden feindliche Burgen geschleift, im 19. Jahrhundert veraltete Festungen, um Städten mehr Platz zu schaffen. Warum aber wurden Herrenhäuser geschleift? Durch die Bodenreform entstand 1945 ein großer Baumaterialbedarf. Ein Befehl der Sowjetischen Militäradministration  sollte Abhilfe schaffen, u. a. durch den Abriss von Gutsgebäuden. Geschleift wurde 1974 im Auftrag der DDR-Regierung auch das  Herrenhaus in Dutzow. Grund: seine  unmittelbare Lage zur innerdeutschen Grenze.

www.schloesser-gaerten-mv.de

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