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Sonderschau in Schlagsdorf : Flucht-Protokolle im Grenzhus

vom
Aus der Redaktion der Gadebusch-Rehnaer Zeitung

Neue Sonderschau zeigt bislang nicht veröffentlichte Bilder aus den Akten der Staatssicherheit

Vier fast unüberwindbare Grenzzäune und Sperren, Fluchtorte, Menschenschiksale – 27 Jahre nach dem Fall von Mauer und Schutzzaun beschäftigt das Thema innerdeutsche Grenze weiterhin die Menschen. Das wird mit der aktuellen Sonderschau „18 Fluchtorte an der innerdeutschen Grenze Ratzeburgersee-Boizenburg 1976-1989“ im Grenzhus deutlich. Es handelt sich um 18 Schwarz-Weiß-Fotografien aus bislang nicht veröffentlichten Unterlagen der Staatssicherheit, die die Spuren von nach Freiheit strebenden Menschen, ihre Wege an und über die für viele Menschen unüberwindbaren „Schutzwall“ zeigen. „Diese Bilder machen deutlich, was Grenze bedeutet“, sagt Grenzhus-Leiter Andres Wagner. Hinter jedem Bild stehe eine Geschichte. „Genau genommen 18 junge Männer im Alter zwischen 20 und 35 und zwei Schüler“, sagt Erke Kurmies. Der Hamburger gehört zu einem Rechercheteam, das über Jahre die Geschichten hinter den Protokollfotos aufarbeitete. 2006 sei man auf die Akten gestoßen und letztlich erstaunt darüber, welches Wagnis Menschen auf sich nehmen, wenn es sie in die Freiheit ziehe. Unter den 18 Flüchtenden waren Arbeiter, Handwerker, Ingenieure, Grenzsoldaten und Schüler.

„Die beiden Schüler kamen aus dem Kinderheim in Rehna. Nachts hatten sie die Idee zur Flucht, wurden zwar erwischt, flüchteten aber weiter, lösten über einen Draht die Selbstschussanlage aus. Dabei wurde das Bein eines Jugendlichen mit 35 Metallsplittern auf Kniehöhe durchsiebt“, erzählt Kurmies. Die Jungen kamen in ein DDR-Krankenhaus, die Eltern wurden später aufgefordert, die Region zu verlassen.

Bei Dechow wurde am 28. Januar 1982 ein Straßenschild als Übersteighilfe herausgerissen. Beim Überwinden löste die Selbstschussanlage aus „Der Mann rettete sich schwer verletzt über den zugefrorenen Culpiner See ins Schilf“, sagt Kurmies. Beamte des Bundesgrenzschutzes fanden ihn. „Ich habe die Geschehnisse heute noch vor Augen“, erzählt Dr. Karsten Waldczock, ein ehemaliger Bundesgrenzschützer. Nach der Grenzöffnung trifft er zufällig auf die damaligen DDR-Grenzsoldaten, die bei jenem Einsatz unterwegs waren. „Es hat alle berührt“, sagt Waldczock. Der Geflüchtete selbst kehrt nach Jahren zurück in die DDR, wird Fahrer bei einer LPG und stirbt aufgrund der durch die Selbstschussanlagen herbeigeführten Verletzungen im Bereich der Lunge, protokolliert Kurmies.

Ein unbemerkte Grenzübertritt ereignete sich am 26. April 1986 bei Schlagsdorf. „Ein Mann überwindet die Grenzanlagen, überspringt einen Graben hinein in den Westen. Am Tag darauf vermeldet die Deutsche Presseagentur die geglückte Flucht. Im Grenzabschnitt Schönberg gab es nun reichlich Stress“, sagt Kurmies. Doch der Mann habe sich wenig später entschlossen, zurückzukehren. „Kaum zu glauben, aber er wählte erneut seinen Fluchtweg und passierte die Grenze erneut unbemerkt bei Schlagsdorf. Anschließend stellte er sich der Polizei im Bereich Gadebusch“, erzählt der Hamburger.

Doch Protokolle vom Tod von Harry Welzin bei Kneese machen deutlich, welche Gefahren, der von Menschen erdachte und ausgeführte Grenzbau in sich barg. Die Bilder aus den „Ereignisort-Untersuchungsprotokollen“ der Staatssicherheit sind erdrückend. Allein zwischen 1976 und 1988 flohen 170 Menschen zwischen der Lübecker Bucht und der Elbe in den Westen. Sieben Menschen kamen ums Leben. Eine genaue Untersuchung steht aus. Die Ausstellung läuft bis zum 20. Dezember. 

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erstellt am 31.Mai.2016 | 05:00 Uhr

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