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Wismarer Boxsport-Legende : Fiete - der Herr des Boxrings dankt ab

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Die rote Trainingsjacke ist sein Markenzeichen. Sie ist ein Stück Geschichte des "Boxervaters" Friedrich, genannt Fiete von Thien. Für den 73-Jährigen ist nun der Punkt gekommen, um den Staffelstab weiterzureichen.

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erstellt am 08.Feb.2013 | 06:31 Uhr

Wismar | ieSeine rote Trainingsjacke ist und bleibt sein Markenzeichen. Auch sie ist ein Stück Geschichte des "Boxervaters" Friedrich, genannt Fiete von Thien. Ist man bei ihm zu Besuch, wandern die Blicke zwangsläufig in eine Richtung des Wohnzimmers. "Vielleicht ist das etwas verrückt, einen ganzen Bereich der guten Stube für all diese Erinnerungen zu nutzen, aber der Boxsport ist mein Leben und ich habe es nie bereut, diesen Weg gegangen zu sein." Mehr hat der noch recht rüstige, 73-jährige Senior des Faustkampfes zunächst nicht zu sagen. Dafür sprechen besonders bedeutsame Andenken, Ehrenzeichen und Urkunden ihre eigene Sprache. Sie belegen seine und gemeinsame Erfolge, aber vor allem Respekt anderer im jahrzehntelangen Wirken, konkret mehr als ein halbes Jahrhundert, für den gebürtigen Hansestädter. Nur die bedeutsamsten Stücke finden sich allerdings dort wieder.

Für Pokale, Medaillen, Wimpel, signierte Boxhandschuhe von weltweiter Prominenz, Urkunden und komplette Archivmappen mit Fotos oder Originaltickets von großen Schaukämpfen musste Fiete schon seit Jahren sein ganz privates Box-Museum im Keller einrichten. Und wer wie der gelernte Schiffbauer seit 1955 selbst aktiver Faustkämpfer war, kann nicht nur viel erzählen, sondern eben so viel zeigen.

Sein sportliches Talent führte ihn schon bald an das damalige Armeesport-Leistungszentrum, ASK "Vorwärts" in Potsdam. Als Mitglied der einstigen DDR-Liga bestritt er insgesamt 72 Kämpfe bis zu seiner Tätigkeit als junger Trainer. Ab 1961 leitete er den gesamten Dynamo-Boxnachwuchs in Wismar, ein Jahr später war er der Cheftrainer. Rückblickend bis 1963 ist die Erfolgsskala bemerkenswert: 41 Goldmedaillen, 26 Mal Silber und 45 Mal Bronze durch Wismarer Boxer bei DDR- und später Deutschen Meisterschaften.

"Die vielen persönlichen Erinnerungen lassen sich nicht in Ramschkisten lagern. Dazu sind mir die Sachen und vor allem die vielen gute Freunde zu wertvoll", so der noch immer ruhelose Ruheständler mit dem stets freund lichen und gutmütigen Gesichtsausdruck. Diejenigen, die durch seine Trainerhände gingen, und das waren viele, wissen aber heute noch, dass fast väterliche Freundschaft schnell in Strenge und Unnachgiebigkeit wechseln kann. Mit Warmherzigkeit und pädago gischem Geschick gelang es ihn, so manches Talent nicht nur zu entdecken, sondern ebenso zu fördern, bis hin zum Leistungssport. So war es auch bei seinem einstigen Schützling, Marcel Meyerdiercks oder dem einst WM-Dritten und fünffachen DDR-Meister Bernd Wittenburg. Sein Konzept ist einfach: "Mit 70 Prozent Lob und 30 Prozent Kritik arbeiten." Das Wismarer Urgestein von Thien scheute sich ebenso wenig, den Kontakt zu Straßenkindern zu suchen, auch zu solchen mit Migrationshintergrund. Bundesweite Projekte wie "Integration durch Sport" und "Sport statt Gewalt" halfen dabei.

Bei alten Erinnerungen aus früheren Zeiten fallen ihm aus der Region spontan solche Namen ein wie die der Sportler Stenzel, Tiede, Rolf, Domres, Fox oder Runge. Da war noch Gerhard Warschkow. Der Grevesmühlener bestritt an die hundert Kämpfe und unterstützte als Übungsleiter mehrere Jahre die Boxsportler von SC Dynamo Gadebusch. Als besondere Wegbegleiter nennt er Ulli Wegner, noch immer einer der weltbesten Profitrainer und nicht zu vergessen Fritz Sdunek. "Beide habe ich als junger Trainer in der Ecke sekundiert, darauf bin ich heute noch stolz".

Nicht nur seine eigenen Boxhandschuhe hütet der engagierte Senior sehr sorgsam. Auch solche, die ihm zu besonderen Anlässen zuteil wurden, darunter einige Raritäten. Zum Beispiel die von Abraham, von den Klitschko-Brüdern, von Henry Maske oder gar vom legendären Muhammad Ali, mit richtigen Namen Cassius Marcellus Clay. Fiete macht allerdings keinen Hehl daraus, dass er letztere Rarität seinem Sohn Andreas von Thien, seit inzwischen 20 Jahren erfolgreicher Fernseh-Sportmoderator bei RTL zu verdanken hat. Unvergessen bleibt ebenso die Sportlerlegende Max Schmeling, mit dem Fiete zehn Jahre lang bis zu dessen Tode sehr persönlich korrespondierte.

Doch von all den Ehrungen sind ihm zwei am wichtigsten: das Bundesverdienstkreuz am Bande, am 5. Dezember 2003 überreicht durch den damaligen Bundespräsident Johannes Rau. "Eine großartige Persönlichkeit und eine Ehrung, von der man ewig zehrt", so seine Empfindung. Doch auch die höchste Auszeichnung im Sport zu DDR-Zeiten, "Verdienter Meister des Sport" 1983 soll nicht unerwähnt bleiben. "Das alles wäre nichts ohne meine Gerda", möchte Fiete auf jeden Fall noch loswerden. Oft teilte sie mit ihm sein sportliches Engagement, betreute jahrelang die VIP-Logen oder hielt auch mal großen Waschtag ab, zu Gunsten der Trikots seiner Schützlinge.

Nun ist der Punkt gekommen, um den Staffelstab weiterzureichen. So übernahm sein Nachfolger, Jürgen Spieß, selbst in seiner Riege groß geworden, die Abteilungsleiterfunktion im Boxsport des Polizeisportvereins (PSV) Wismar. Doch so völlig ganz auf Null runterfahren will Fiete sein Sportlerleben noch nicht. Dabei sein, helfen wo es geht - das steht weiterhin an. Und wer wie er, eine internationale Lizenz als Kampfrichter besitzt, braucht auch jetzt noch einen Terminkalender.

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