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Gadebusch-Rehnaer Zeitung

22. November 2017 | 12:17 Uhr

Deponie Ihlenberg : Feststimmung am Müllberg

vom
Aus der Redaktion der Gadebusch-Rehnaer Zeitung

Tag der offenen Tür bei der Abfallentsorgungsgesellschaft in Selmsdorf

von
erstellt am 11.Sep.2017 | 05:00 Uhr

Bratwurst, Linedance, Kinderschminken – auf dem Ihlenberg bei Selmsdorf herrschte am Wochenende Volksfeststimmung. Während sich bunte, riesige Flugdrachen in die Lüfte erhoben und der Gesang des Shanty-Chors „De Schweriner Klönköpp“ aus den Werkshallen drang, konnte man schnell vergessen, wo man sich eigentlich befand: Nämlich auf einer der größten Sondermüllhalden Europas. Die Ihlenberger Abfallentsorgungsgesellschaft (IAG) hatte am Samstag zum Tag der offenen Tür eingeladen. Mehr als 2000 Besucher folgten dem Angebot.

Neben den zahlreichen Vorführungen – vom Kanalroboter bis hin zum Imkerberuf – kamen viele vor allem wegen der sechs Kilometer langen Betriebs-Rundfahrt über die Anlage. So wie Selmsdorferin Maritta Reese. Als der Bus das Plateau auf dem Gipfel des Müllbergs erreicht, staunt sie. 120 Meter liegt dieser über dem Meeresspiegel und zumindest äußerlich ist größtenteils Gras über ihn gewachsen. „Ich war als Jugendliche schon einmal hier. Zu der Zeit sah alles noch ganz anders aus“, sagt Reese.

Damals hätte sie bei ihrem Besuch viele Fragen zur Deponie gehabt. Doch Antworten gab es keine. Vieles vor ihrer Haustür passierte still und heimlich. Das hätte geprägt. Und heute? „Ich habe immer noch das Gefühl, es wird etwas schön geredet. Abfall bleibt Abfall und da ist immer etwas Negatives dabei“, meint Reese. Ja, das Unternehmen würde viele Arbeitsplätze in der Region schaffen – insgesamt 120 Stück und es hätte sich viel getan. Den Tag der offenen Tür findet sie hoch interessant. Und dennoch bleibe ein ungutes Gefühl: „Man muss nur sehen, wie viele hier Krebs haben. Meine Eltern sind beide an Krebs gestorben. Das bleibt immer im Hinterkopf“, so Reese.

„Wir wissen um den Ruf und die vielen Gerüchte, die sich über die Jahrzehnte um die Deponie angesammelt haben“, sagt die Geschäftsführerin der landeseigenen Betreibergesellschaft, Beate Ibiß am Samstag auf dem Festgelände, wo sonst die Sondermüll-Lkw rollen. Sie sei daher für „größtmögliche Transparenz.“ Jahrelang sorgte die einstige Deponie Schönberg für Negativschlagzeilen. Anfang der 1990er jagte ein Skandal den anderen. Ein Staatssekretär wurde gefeuert. Eine Umweltministerin nahm ihren Hut. Die Landesfraktion der Bündnis90/Die Grünen forderte die Schließung der Anlage bis 2016. Doch noch immer rollen täglich Lkw mit hochgiftigen Stoffen auf die Deponie. Seit der Inbetriebnahme 1979 landeten hier rund 19 Millionen Kubikmeter Hausmüll und gewerbliche Abfälle. Zum Großteil sind sie gefährlich und überwachungsbedürftig.

Mitglieder der Bürgerinitiative „Stoppt die Deponie Ihlenberg“ werfen den Betreibern der Anlage vor allem vor, dass der Untergrund des Altteils der Halde nie untersucht und auch nicht mit den heute üblichen Folien abgedichtet worden sei. Dieser Bereich würde jedoch derzeit für die endgültige Oberflächenabdichtung vorbereitet, berichtet Ibiß. Auf einer Fläche von 50 Hektar soll in den nächsten zwölf Jahren die temporäre Decke abgetragen und durch ein zirka zwei Meter mächtiges Abdeckungssystem ersetzt werden.

Der Bus ist bei seiner Rundfahrt inzwischen beim Blockheizwerk angelangt. Seitdem hier das Deponiegas verbrannt werde, sei die Geruchsbelästigung deutlich zurück gegangen, erklärt Rainer Paegelow den Gästen. Der Abfallberater arbeitet seit den 1990ern für die IAG. Das Interesse an der Deponie sei groß, kritische Fragen gebe es heute jedoch kaum, so Paegelow. „Wir leben nun einmal in einer Gesellschaft, in der Abfälle anfallen und die müssen irgendwo hin“, sagt der Wismaraner. „Natürlich gab es in der Vergangenheit Kritik. Aber die ist immer auf den Stand der damaligen Technik zurückzuführen.“ Seiner Meinung nach arbeite die IAG so umweltfreundlich wie eben derzeit möglich.

Nach einer halben Stunde erreicht der Bus wieder das Festgelände. Für die Kinder gibt es noch einen Keks. Die Linedancer des SV „Blau-Weiß“ Grevesmühlen betreten die Bühne. Fast könnte man vergessen, wo man sich befindet.

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